„Wenn er darauf wartet, dass Mathieu oder Tadej attackieren, wird es wieder ein Jahr mit knapp verpassten Siegen“ – Tom Dumoulin kritisiert Wout van Aerts reaktive Fahrweise

Radsport
Mittwoch, 25 Februar 2026 um 13:00
2026-02-25_10-33_Landscape
Die Debatte um Wout van Aert begleitet ihn seit Jahren. Dicht dran, immer dicht dran, aber nicht ganz oben auf dem Podest in den Rennen, die er am meisten will. Mit dem Opening Weekend als Start in eine weitere Pflasterkampagne glaubt Ex-Giro-Sieger Tom Dumoulin, dass der Unterschied zwischen erneutem Beinahe-Erfolg und Monument-Triumph eher im Kopf als in den Beinen liegen könnte.
Im NOS-Radsport-Podcast lieferte Dumoulin eine klare Einschätzung, warum Van Aert so oft hinterherfährt statt zu jubeln.
„Wenn er darauf wartet, dass Mathieu oder Tadej gehen, wird es wieder ein Jahr des Knapp-daneben.“
Die Aussage kommt zu einem entscheidenden Zeitpunkt. Van Aert kehrt 2026 nach einer Sprunggelenks-OP, die seinen Winter beeinträchtigte, auf die Straße zurück und macht keinen Hehl daraus, dass die Ronde van Vlaanderen und Paris–Roubaix zentrale Ziele bleiben. Doch im Weg stehen ihm einmal mehr Mathieu van der Poel und Tadej Pogacar, Fahrer, die diese Rennen zunehmend zu ihren Bedingungen prägen.

Reagieren versus Rennen prägen

Dumoulins Analyse stellt Van Aerts physische Klasse nicht infrage. Im Gegenteil, er betonte, der Belgier zähle weiterhin zur absoluten Spitze. „Wout ist immer noch ein außergewöhnlich guter Fahrer. Er ist ganz nah an Van der Poels Niveau, aber es reicht ganz knapp nicht.“
Für Dumoulin liegt der marginale Unterschied in der Herangehensweise. „Als Analyst sehe ich, dass Wout im Rennen sehr oft reagiert. Er reagiert auf das, was passiert. Van der Poel macht das Rennen. Er greift an, wirft 100 Kilometer vor dem Ziel eine Bombe. Das erweist sich immer öfter als Erfolgsrezept. Man muss sich nur Pogacar ansehen.“
Das Argument passt zum jüngsten Muster der Klassiker. Van der Poels Attacken aus der Distanz und Pogacars Bereitschaft, klassische Drehbücher zu zerreißen, drängen die Konkurrenz wiederholt in die Defensive. Van Aert hingegen wird häufig dabei gesehen, wie er Bewegungen markiert, Beschleunigungen abdeckt und auf den entscheidenden Moment wartet statt ihn zu setzen.
Ironischerweise folgten die Ergebnisse oft, wenn Van Aert instinktiv fuhr. Dumoulin verwies auf das Finale der letztjährigen Tour de France. „Dort zeigte er Mut. Er ging All-in. In Belgien ist der Druck immer enorm. Das scheint lähmen zu können und führt vielleicht dazu, dass er reaktiver fährt.“

Der Faktor Druck

Dieser Druck ist kein Nebenaspekt. Van Aert trägt jeden Frühling hohe Erwartungen, besonders in Flandern und Roubaix. Die Erzählung „dieses Jahr muss es passieren“ ist beinahe zur Routine geworden.
Dumoulin deutete an, dass die mentale Komponente ebenso wichtig sein könnte wie die taktische Positionierung. „Das sind Fahrer, die sich trauen, die Mut haben und am Ende diese Rennen gewinnen. Vielleicht ist es Zeit, dass Wout so etwas auch macht.“
Konkret sieht er in Paris–Roubaix die klarste Chance. „Es in Roubaix zu versuchen, dem Rennen, das ihm am besten liegt… Dort ist er immer noch ein ganz heißer Anwärter.“
Diese Sicht passt zur allgemeinen Einschätzung von Van Aerts Pflaster-Qualitäten. Sein Motor, seine Zeitfahrleistung und seine Robustheit über lange Distanzen zählen weiterhin zu den größten Trümpfen im Peloton. Die Frage ist, ob er sie früher und entschlossener einsetzt.

Ein prägender Frühling voraus

Vismas Aufstellung fürs Opening Weekend hat bereits bestätigt, dass Van Aert das Team beim Omloop Het Nieuwsblad anführt und damit nach monatelanger Reha sein Wettkampf-Comeback gibt. Körperlich scheint die Basis gelegt.
Taktisch und psychologisch jedoch verleiht Dumoulins Mahnung der Geschichte eine neue Ebene.
Wartet Van Aert weiterhin darauf, dass Van der Poel oder Pogacar das Rennen entzünden, spricht die Historie dafür, dass er wieder knapp hinter der entscheidenden Bewegung landet. Ist er aber bereit, alles zu riskieren, wie er es kann, könnte sich die Kräftebalance in den Klassikern verschieben.
Für einen Fahrer seiner Klasse, insistiert Dumoulin, geht es in der Differenz nicht um Stärke. Es geht um Initiative.
Klatscht 0Besucher 0
loading

Gerade In

Beliebte Nachrichten

Loading