„Wenn alles aus einer Quelle kommt, fehlt die Perspektive“: ProCyclingStats-Chef warnt vor Monopol im Radsport

Radsport
durch Nic Gayer
Samstag, 11 Juli 2026 um 14:00
Paul Seixas und Christian Prudhomme vor dem Flèche Wallonne 2026
Der Streit um Datenhoheit und Governance im Profiradsport hat mit Stephan van der Zwan, Mitgründer und CEO von ProCyclingStats, einen prominenten Fürsprecher der unabhängigen Plattformen gefunden. Die Statistikseite ist für Fans, Journalistinnen und Journalisten sowie Profiteams längst zu einem unverzichtbaren Werkzeug geworden. Mit ihrem wachsenden Einfluss ist sie allerdings auch in den Mittelpunkt mehrerer Konflikte geraten – allen voran mit Tour-de-France-Veranstalter ASO, der ProCyclingStats in den vergangenen Jahren untersagte, während der Frankreich-Rundfahrt sein Branding zu zeigen.
In einem ausführlichen Interview mit La Vanguardia bezog der Niederländer nun Stellung und verteidigte die Rolle unabhängiger Plattformen im Profiradsport. Gleichzeitig sprach er sich deutlich gegen Bestrebungen aus, Informationen rund um den Sport und dessen größtes Rennen in den Händen weniger Akteure zu bündeln.

„Das ist kein Schlachtruf“: Van der Zwan fordert mehr Anerkennung

Trotz der Spannungen mit der ASO schlug Van der Zwan versöhnliche Töne an. Seine „#SayMyName“-Kampagne sei nicht als Angriff zu verstehen, sondern als Appell, unabhängigen Initiativen im Radsport den verdienten Respekt entgegenzubringen.
„Das ist kein Schlachtruf; es ist die Forderung nach Respekt – für uns, für die Fahrer und für unabhängige Initiativen, die dem Radsport Mehrwert bringen“, erklärte er.
Das Verhältnis zur ASO bezeichnete der Niederländer als Ausnahme. Mit den meisten Rennveranstaltern arbeite ProCyclingStats eng und vertrauensvoll zusammen. Viele Organisatoren würden die Plattform sogar aktiv in Datenprojekte und Maßnahmen zur Fanbindung einbinden.

Warnung vor zentralisierten Informationen

Die größte Sorge des ProCyclingStats-Chefs gilt einer Entwicklung hin zu einer vollständigen Zentralisierung sämtlicher Informationen im Radsport. Aus seiner Sicht würde ein solches Modell der gesamten Sportart schaden.
„Ich glaube nicht, dass die Zukunft des Radsports in einer vollständigen Zentralisierung liegt“, sagte Van der Zwan. „Wenn alles aus einer einzigen Quelle käme, gäbe es zwangsläufig weniger Perspektiven, weniger Innovation und weniger unabhängige Analyse. Das wäre für keinen Sport gesund.“
Stattdessen plädierte er für ein Miteinander offizieller Datenquellen und unabhängiger Plattformen. Beide Seiten könnten voneinander profitieren und sich gegenseitig ergänzen. Fans verdienten eine Auswahl an Informationsangeboten, Teams seien auf unabhängige Analysewerkzeuge angewiesen und Journalistinnen sowie Journalisten müssten Informationen überprüfen können, ohne ausschließlich auf eine einzige Quelle zurückgreifen zu müssen.
Van der Zwan äußerte sich zudem zur Kritik am Geschäftsmodell von ProCyclingStats. Die Plattform kombiniert frei zugängliche Inhalte mit Premium-Abonnements sowie Datenanalyse-Produkten für Profiteams. Dass das Unternehmen wirtschaftlich arbeitet, sieht er dabei keineswegs als Widerspruch zur Leidenschaft für den Sport.

„Wir verkaufen keinen Radsport; wir investieren in Radsport“

„Radsport zu lieben und ein nachhaltiges Unternehmen aufzubauen, schließt sich nicht aus. Im Gegenteil, das eine ermöglicht das andere“, sagte er. „Wir verkaufen keinen Radsport; wir investieren in Radsport.“
Ein weiteres aktuelles Thema betrifft die Union Cycliste Internationale (UCI) und deren andorranisches Entwicklungsteam. Auslöser des Konflikts war der Ausschluss der Mannschaft von der Tour of Bosnia and Herzegovina. Dieser Vorfall veranlasste ProCyclingStats dazu, die Anwendung bestimmter Regularien öffentlich zu hinterfragen.
„Wir fordern keine Sonderbehandlung; wir fordern Konsistenz, Transparenz und Vorhersehbarkeit bei der Durchsetzung der Regeln“, erklärte Van der Zwan. Das Team war damals erst kurzfristig von der Rundfahrt ausgeschlossen worden, obwohl die internationale Anreise bereits erfolgt war – ein Vorgang, der die Veranstaltung aus seiner Sicht aus den falschen Gründen in den Mittelpunkt rückte.
Unabhängig von den institutionellen Auseinandersetzungen betonte der Niederländer die Wurzeln von ProCyclingStats. Die Plattform sei aus der Leidenschaft von Radsportfans entstanden und stehe auch fast zwei Jahrzehnte nach ihrer Gründung weiterhin für ein offenes, vielfältiges und frei zugängliches Verständnis des Sports.
Gerade in einer Zeit, in der Daten im Profiradsport immer mehr an strategischer Bedeutung gewinnen, versteht Van der Zwan seine Botschaft als klares Plädoyer für Vielfalt statt Kontrolle. Die Zukunft des Sports sollte seiner Überzeugung nach nicht auf einer zentralen Informationshoheit beruhen, sondern auf dem Zusammenspiel offizieller Strukturen und unabhängiger Innovation.
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