Von außen betrachtet wirkte Jonas Vingegaards Rückkehr beinahe mühelos. Der Däne kehrte im März ins Renngeschehen zurück, dominierte sowohl Paris–Nizza als auch die Katalonien-Rundfahrt und präsentierte sich sofort wieder als jener Fahrer, der Tadej Pogacar über drei Wochen am ehesten gefährlich werden kann.
Innerhalb von
Visma - Lease a Bike ist man jedoch überzeugt, dass viele Beobachter unterschätzen, welchen Weg Vingegaard zurücklegen musste, um erneut dieses Leistungsniveau zu erreichen.
„Von außen sieht man das nicht“
Im Gespräch mit
Domestique erklärte Sportdirektor
Marc Reef, dass Pogacars außergewöhnliche Dominanz zwangsläufig die Maßstäbe im Peloton verschiebe. „Vergleicht man es mit dem Standard von Pogacar, dann sind natürlich alle ein bisschen weniger, weil er macht, was er will, greift von weit an“, sagte Reef.
Jonas Vingegaard präsentierte sich bei Paris–Nizza und der Katalonien-Rundfahrt bereits wieder in beeindruckender Form
Intern gebe es dennoch keineswegs das Gefühl, Vingegaards Leistungen würden durch die aktuelle Ära relativiert. Reef beschrieb den zweimaligen Tour-de-France-Sieger vielmehr als „einen anderen Fahrertyp und eine andere Persönlichkeit“ und betonte: „Er hat schon etwas Großes erreicht, wenn man es mit der Geschichte des Radsports vergleicht.“
Für Visma - Lease a Bike geht die Anerkennung dabei weit über reine Resultate hinaus. „Und neben den Grand Tours und all den anderen Rundfahrten, die er gewonnen hat, ist die Art, wie er nach großen Rückschlägen zurückgekämpft hat, etwas, das ihn wirklich auszeichnet“, erklärte Reef weiter. „Ich glaube, das sieht man von außen nicht, aber wir sehen es und schätzen ihn sehr hoch ein.“
Der schwierige Weg zurück an die Spitze
Seit 2024 wurde die öffentliche Wahrnehmung rund um Vingegaard häufig davon geprägt, was er gegen Pogacar nicht verhindern konnte. Während der Slowene den Sport weiterhin nach seinen Vorstellungen dominiert, Monumente auf unterschiedlichstem Terrain gewinnt und erneut als großer Favorit zur
Tour de France reist, geriet Vingegaards eigener Weg zurück an die Spitze oft in den Hintergrund.
Dabei hatte der Däne nach seinem schweren Sturz bei der Baskenland-Rundfahrt 2024 enorme Rückschläge zu bewältigen. Mit kollabierter Lunge, Schlüsselbeinbruch und mehreren Rippenfrakturen landete er damals auf der Intensivstation. Dennoch kämpfte er sich rechtzeitig zurück, wurde Zweiter der Tour de France und gewann später sogar die Vuelta a España.
Auch die Saison 2026 begann alles andere als reibungslos. Eine Erkrankung verzögerte seinen Saisonstart, gleichzeitig verließen mit Langzeittrainer Tim Heemskerk und Edelhelfer Simon Yates zwei wichtige Persönlichkeiten die Struktur von Visma - Lease a Bike.
Von außen entstand dadurch zeitweise der Eindruck von Unsicherheit rund um Fahrer und Team. Intern sei diese Wahrnehmung jedoch nie entstanden, deutete Reef an. „Vielleicht kamen in diesem einen Moment gewisse Dinge bei ihm zusammen, und ich kann mir vorstellen, dass es von außen so aussieht, als würde etwas im Argen liegen“, sagte der Sportdirektor.
Innerhalb der Mannschaft habe man dagegen einen hochmotivierten Kapitän erlebt. „Aber aus den Gesprächen mit Jonas am Ende der letzten Saison und dann beim Trainingslager im Dezember sahen wir, wie motiviert er war, wie sehr er im Team aufging und wie viel Energie und gute Vibes er in die ganze Gruppe trug.“
Warum diese Siege für Visma so wichtig waren
Die Bedeutung von Vingegaards Erfolgen bei Paris–Nizza und der Katalonien-Rundfahrt lag für das Team nicht allein in den Resultaten selbst, sondern vor allem in der Art und Weise, wie sie zustande kamen.
Bei Paris–Nizza griff der Däne mehrfach offensiv an und erarbeitete sich mehr als vier Minuten Vorsprung im Gesamtklassement. Wenige Tage später bestätigte er dieses Niveau erneut in Katalonien gegen ein stark besetztes Starterfeld. Bemerkenswert war dabei vor allem, dass Vingegaard mit einem deutlich reduzierten Rennprogramm in die Saison gegangen war, während Pogacar ein kompromisslos intensives Frühjahr absolvierte.
Reef erklärte, dass diese Auftritte dem gesamten Team zusätzliches Vertrauen gegeben hätten. „Er ist ein Sieger, also fuhr er, um Rennen zu gewinnen, die er zuvor noch nie gewonnen hatte, wie Paris–Nizza“, sagte er.
Besonders imponierte Visma - Lease a Bike jedoch die Souveränität der Siege. „Aber die Weise, wie er es gewann, gab dem Team viel Selbstvertrauen“, ergänzte Reef. „Und es ist nur eine Woche bis Katalonien, also auch dieses zu gewinnen, indem er viele starke Fahrer mit großem Vorsprung schlägt, gibt nur noch mehr Vertrauen für die kommende Phase.“
Giro–Tour-Double als neuer Antrieb
Diese nächste Phase beginnt nun beim Giro d’Italia. Dort wird Vingegaard erstmals in seiner Karriere den Versuch wagen, das Giro–Tour-Double zu schaffen.
Laut Reef steckt hinter dieser Entscheidung vor allem der Wunsch nach neuen Reizen, nachdem sich jahrelang nahezu jede Saisonplanung ausschließlich an der Tour de France orientiert hatte. „Er suchte neue Motivation und einen neuen Trigger“, erklärte Reef.
Im Team glaubt man zudem, dass dieser Ansatz Vingegaard langfristig sogar noch stärker machen könnte. „Und wir standen wirklich hinter dieser Idee“, sagte Reef weiter. „Letztes Jahr, als Jonas Tour und Vuelta fuhr, sahen wir, dass sein Niveau sich in der zweiten Grand Tour leicht steigerte, also war das ein zusätzlicher Grund, dieses Jahr dafür zu gehen.“
Selbstbewusster, entspannter – aber unverändert hungrig
Rund um Vingegaard entsteht 2026 zunehmend der Eindruck eines Fahrers, der sich in seiner Rolle innerhalb des Sports deutlich wohler fühlt.
Der früher oft zurückhaltend auftretende Däne wirkt inzwischen offener und selbstbewusster – eine Entwicklung, die Reef als natürlichen Prozess beschreibt. „Wenn man Jahr für Jahr und Situation für Situation wächst, dann macht das etwas mit einem Menschen, auch mit ihm“, erklärte er.
Aus Sicht des Sportdirektors hängt diese Veränderung eng mit Vingegaards gewachsener Stellung im Peloton zusammen. „Und wenn man realisiert, dass man einer der stärksten Fahrer ist, stärkt das natürlich das Selbstvertrauen“, sagte Reef. „Dieses Jahr ist er ruhig, er ist überzeugt und er ist gelöster.“
Am entscheidenden Punkt habe sich jedoch nichts verändert: der Hunger nach Erfolgen. „Aber vor allem ist er mit diesem Ansatz, den wir in dieser Saison fahren, wirklich, wirklich motiviert“, sagte Reef. „Er ist schon lange im Radsport, er hat schon viel gewonnen, aber er ist immer noch sehr, sehr hungrig…“