Kann
Tadej Pogacar nach dem schwersten Sturz seiner Profikarriere tatsächlich wieder zu seiner außergewöhnlichen Form zurückfinden? Diese Frage beschäftigt den Radsport seit dem dramatischen Aus des Slowenen bei der Vuelta a Espana 2026. Der ehemalige Radprofi und heutige Experte Bob Roll hält langfristige Auswirkungen schwerer Verletzungen grundsätzlich für möglich. Mit Blick auf die Schicksale von
Chris Froome,
Egan Bernal und
Jonas Vingegaard warnt er vor den Risiken einer solchen Rückkehr. Für Pogacar wagt der Amerikaner dennoch eine bemerkenswert optimistische Prognose.
Am 29. August endete Pogacars Versuch, erstmals die Vuelta a Espana zu gewinnen, abrupt. Der Kapitän von UAE Team Emirates-XRG trug zu diesem Zeitpunkt das Rote Trikot des Gesamtführenden, als er schwer stürzte. Die Diagnose fiel gravierend aus: Schlüsselbeinbruch, stabiler Bruch des siebten Halswirbels und Gehirnerschütterung. Nach einer Operation entschied die Mannschaft, den Slowenen für den Rest der Saison aus dem Rennbetrieb zu nehmen. Damit war sein erfolgreiches Jahr, in dem er zuvor seinen fünften Tour-de-France-Triumph gefeiert hatte, vorzeitig beendet.
Schwere Verletzungen im Radsport: Roll erinnert an Froome, Bernal und Vingegaard
Für den inzwischen 28-jährigen Pogacar beginnt damit eine der größten Herausforderungen seiner bisherigen Karriere. Nach Jahren nahezu ununterbrochener Erfolge muss er sich erstmals von einem Unfall erholen, der seine sportliche Zukunft zumindest vorübergehend infrage stellt. Wie schwierig die Rückkehr nach schweren Stürzen sein kann, zeigen mehrere prominente Beispiele aus der jüngeren Radsportgeschichte.
Tadej Pogacar arbeitet nach seinem schweren Sturz bei der Vuelta a Espana 2026 an seinem Comeback. Bob Roll glaubt, dass der Slowene 2027 sogar stärker als zuvor zurückkehren könnte.
Im Podcast Beyond the Podium von NBC Sports Cycling erinnerte Bob Roll an Fahrer, deren Karrieren durch schwere Unfälle nachhaltig beeinflusst wurden.
„In den vergangenen Jahren haben wir die schweren Stürze von Egan Bernal und Chris Froome erlebt. Vielleicht gehört auch Jonas Vingegaard in diese Reihe. Nach solchen heftigen, teils lebensbedrohlichen Unfällen haben sie es nicht mehr bis ganz an die Spitze des Sports geschafft“, erklärte der Amerikaner.
Tatsächlich erreichte Froome nach seinem schweren Sturz beim Criterium du Dauphine 2019 nie wieder das Leistungsniveau, mit dem er zuvor mehrere Grand Tours gewonnen hatte. Auch Bernal benötigte nach seinem lebensbedrohlichen Trainingsunfall im Januar 2022 mehrere Jahre, um sich sportlich zurückzukämpfen.
Vingegaards Entwicklung unterscheidet sich allerdings deutlich von diesen beiden Beispielen. Der Däne erlitt bei der Itzulia Basque Country 2024 ebenfalls schwere Verletzungen, kehrte anschließend jedoch auf höchstem Niveau zurück. Mit seinen Gesamtsiegen bei der Vuelta a Espana 2025 und dem Giro d'Italia 2026 bewies er, dass selbst nach einem schweren Unfall weitere Grand-Tour-Triumphe möglich sind.
„Besser als jemals zuvor“ – Roll traut Pogacar sogar einen Leistungssprung zu
Trotz seiner Warnung vor möglichen Langzeitfolgen ist Roll überzeugt, dass Pogacar eine außergewöhnliche Rückkehr gelingen könnte. Mehr noch: Der frühere Profi hält es sogar für denkbar, dass der Slowene durch die erzwungene Pause zusätzliche Motivation gewinnt und anschließend ein bislang unerreichtes Leistungsniveau erreicht.
„Ich persönlich glaube nicht, dass Tadej Pogacar so etwas passieren wird“, sagte Roll mit Blick auf die Schwierigkeiten anderer gestürzter Stars. „Ich denke, diese Herausforderung könnte genau das sein, wonach er gesucht hat. Und vielleicht wird er, das sage ich jetzt einfach, im nächsten Jahr besser sein als jemals zuvor in seiner Karriere.“
Ein entscheidender Faktor ist für Roll Pogacars Alter. Der Slowene feierte im September seinen 28. Geburtstag und befindet sich damit aus Sicht des Amerikaners in einer Karrierephase, in der weitere körperliche Fortschritte möglich sind.
„Physiologisch gesehen nähert er sich gerade seiner Bestform“, ergänzte Roll. „Und ich glaube, da gibt es noch dieses kleine Extra, mit dem er es allen beweisen kann.“
Bookwalter sieht Pogacars Alter und den Zeitpunkt des Sturzes als Vorteile
Auch Brent Bookwalter, ebenfalls ehemaliger Radprofi, sieht gute Gründe für eine erfolgreiche Rückkehr. Dabei verweist er auf seine eigenen Erfahrungen mit Verletzungen und die Schwierigkeiten, nach längeren Pausen wieder das frühere Leistungsniveau zu erreichen.
„Bei vielen der Fahrer, die du erwähnt hast, waren die Rückkehr und die Verletzungen äußerst schwierig und belastend. Je später man in seiner Karriere ist, desto schwerer fällt die Rückkehr. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen“, erklärte Bookwalter. „Es ist schwieriger, den Körper wieder zu aktivieren und während der Reha das alte Niveau zu erreichen. Gleichzeitig dreht sich die Radsportwelt um einen herum weiter im Turbotempo.“
Der Altersvergleich spricht zumindest in dieser Hinsicht für Pogacar. Chris Froome war bei seinem folgenschweren Unfall 2019 bereits 34 Jahre alt. Der Slowene hingegen ist erst 28 und hat damit aus Bookwalters Sicht bessere Voraussetzungen, um sich von den körperlichen Folgen seines Sturzes zu erholen.
Hinzu kommt der Zeitpunkt des Unfalls. Weil Pogacar Ende August bei der Vuelta stürzte, konnte UAE Team Emirates-XRG seine restliche Saison vollständig streichen. Die Mannschaft musste nicht versuchen, ihren Kapitän rechtzeitig für die Radsport-WM oder Il Lombardia wieder in Rennform zu bringen.
Bookwalter lobte ausdrücklich den besonnenen Umgang mit der Situation: „Das Team blieb ruhig, und er blieb ruhig. Es hieß nicht: ‚Lasst uns in Panik geraten, ihn schnell zurückbringen und ihm aus Unsicherheit noch einen Renntag verschaffen, nur um den Drang zu stillen und sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist.‘ Nein, wir beenden die Saison. Er soll sich richtig erholen. Und zwar vollständig.“
Inzwischen hat Pogacar das Training wieder aufgenommen. Zuvor musste er rund fünf Wochen vollständig auf das Radfahren verzichten. Ursprünglich hatte der Slowene gehofft, noch bei der Europameisterschaft in seinem Heimatland antreten zu können. Letztlich verzichtete er jedoch darauf, vor der vollständigen Heilung seiner Verletzungen das Risiko eines weiteren Sturzes einzugehen.
Für Bookwalter könnte sich genau diese Entscheidung langfristig auszahlen. „Ein weiterer großer Vorteil für seine Rückkehr zu voller Stärke oder vielleicht sogar darüber hinaus ist, dass der Sturz am Saisonende passierte“, betonte er.
„Einfach nur Pech“ – Warum der Unfall Pogacar mental weniger belasten könnte
Neben der körperlichen Rehabilitation spielt auch die psychologische Verarbeitung eines schweren Sturzes eine wichtige Rolle. Bookwalter sieht in den konkreten Umständen des Unfalls allerdings einen möglichen Vorteil für Pogacar.
Der Slowene hatte nach seinem Ausscheiden erklärt, dass er über einen großen Stein auf der Straße gefahren sei. Anders als bei einem Fahrfehler in einer schnellen Abfahrt oder einer falsch eingeschätzten Kurve lag die Ursache damit offenbar nicht in einer riskanten Entscheidung des Fahrers selbst.
„Das war ein völlig unvorhersehbarer Sturz, auf den man keinen Einfluss hatte“, erklärte Bookwalter. „Man könnte sich das Video eine Million Mal ansehen und würde trotzdem nicht sagen: ‚Ich glaube, hier hat er einen Fehler gemacht, das war ein technischer Fehler von Tadej.‘ Auf keinen Fall.“
Der Amerikaner verwies in diesem Zusammenhang auf eine Art „selektive Amnesie“, die Profiradfahrern dabei hilft, nach schweren Unfällen weiterhin mit hohem Tempo und unter großen Risiken Rennen zu bestreiten. Entscheidend sei dabei, ob ein Sturz durch einen eigenen Fehler ausgelöst wurde oder auf Umstände zurückzuführen ist, die sich kaum kontrollieren lassen.
„Wenn er bei einer Soloattacke bergab volles Risiko gegangen wäre, eine Kurve zu schnell genommen und sich über eine Leitplanke überschlagen hätte, würde ich sagen: ‚Das könnte ihn mental etwas aus der Bahn werfen oder die Rückkehr erschweren.‘ Aber nein, das war ein Stein auf der Straße mitten im Peloton. Einfach nur Pech und sehr unglückliche Umstände“, erläuterte Bookwalter.
Gerade weil Pogacar den Unfall offenbar nicht auf eine eigene Fehleinschätzung zurückführen muss, könnte es ihm leichter fallen, sein gewohntes Selbstvertrauen auf dem Rad zurückzugewinnen.
Tour de France, Radsport-WM und Vuelta: Pogacars große Ziele für 2027
An sportlichen Zielen mangelt es dem Slowenen jedenfalls nicht. Pogacar hat bereits die Tour de France, die Radsport-WM und die Vuelta a Espana als seine wichtigsten Vorhaben für die Saison 2027 genannt.
Besonders die Spanien-Rundfahrt dürfte dabei eine zentrale Rolle spielen. Sie ist die einzige der drei Grand Tours, die Pogacar bislang noch nicht gewonnen hat. Sein schwerer Sturz im August 2026 nahm ihm die Gelegenheit, diese letzte Lücke in seiner Erfolgsbilanz zu schließen, obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits die Gesamtführung übernommen hatte.
Dass Pogacar inzwischen wieder trainiert, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zurück. Wie belastbar er unter Rennbedingungen tatsächlich sein wird, lässt sich daraus allerdings noch nicht ableiten. UAE Team Emirates-XRG hat bislang nicht bekannt gegeben, bei welchem Rennen der Slowene 2027 sein Comeback feiern soll.
In den kommenden Monaten dürfte sich sein Rennprogramm konkretisieren. Ob Roll mit seiner optimistischen Vorhersage recht behält und Pogacar nach dem schwersten Unfall seiner Karriere tatsächlich noch stärker zurückkehrt, wird sich erst im Wettkampf zeigen. Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Rehabilitation scheinen aus Sicht der beiden ehemaligen Profis jedenfalls günstiger zu sein, als es die Schwere seiner Verletzungen zunächst vermuten ließ.