„Uns fehlen ab der 15. Etappe einige Daten“ – Visma-Manager schließt erneutes Giro-Tour-Double von Jonas Vingegaard nicht aus

Radsport
durch Nic Gayer
Jonas Vingegaard
Die in dieser Woche vorgestellte Strecke der Tour de France 2027 unterscheidet sich in einigen entscheidenden Punkten von den vergangenen Austragungen. Weniger extrem anspruchsvolle Bergankünfte, eine überschaubare Zahl hügeliger Etappen und reichlich Zeitfahrkilometer prägen den Parcours. Auf dem Papier könnte diese Streckenführung vor allem Jonas Vingegaard entgegenkommen. Für den Dänen bietet sich damit möglicherweise eine große Gelegenheit, die Siegesserie von Tadej Pogacar zu durchbrechen und seinen dritten Gesamtsieg bei der Frankreich-Rundfahrt zu feiern.
Auch Tom Dumoulin machte in seiner ersten Streckenanalyse deutlich, dass der Parcours offenbar darauf ausgelegt ist, die größten Stärken von Pogacar möglichst wenig zur Geltung kommen zu lassen. Insbesondere die insgesamt 70 Zeitfahrkilometer könnten das Kräfteverhältnis verändern. Zwar dürfte Remco Evenepoel von diesem Streckenprofil sogar noch stärker profitieren als Vingegaard, doch auch für den Dänen eröffnet sich eine vielversprechende Chance, seinen slowenischen Rivalen zu bezwingen.

Visma-Boss Plugge sieht Chancen – und vermisst weitere Bergankünfte

„Wir müssen mit dem Parcours arbeiten, der uns vorliegt. Und wenn es dieser ist, müssen wir einen Weg finden, ihn bestmöglich zu nutzen“, erklärte Richard Plugge, Teammanager von Visma - Lease a Bike, gegenüber TV2. Mit einer konkreten Bewertung der Strecke hielt er sich zunächst zurück.
Jonas Vingegaard in Aktion.
Jonas Vingegaard könnte bei der Tour de France 2027 von den langen Zeitfahren profitieren. Ob der Däne zuvor erneut den Giro d'Italia bestreitet, ist noch offen.
Besonders die beiden langen Einzelzeitfahren, die bei der Tour-Streckenplanung in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung verloren hatten, rückten in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. „Es gibt auch zwei große Zeitfahren. Daran und am gesamten Parcours müssen wir als Team arbeiten. Wie gesagt: Wir müssen die Strecke erst analysieren und dann darüber sprechen.“
Während einige Experten und ehemalige Profis, darunter auch Dumoulin, deutliche Kritik an der Streckenführung äußerten, fällt Plugges Gesamturteil wesentlich positiver aus. Der Parcours erinnert ihn in seiner Zusammensetzung an die klassische Streckengestaltung früherer Grand Tours.
„Auf den ersten Blick wirkt es wie eine recht ausgewogene Strecke mit mehreren flachen Sprintetappen, explosiven Finals und anspruchsvollen Bergetappen“, erklärte Plugge in einer Mitteilung auf der offiziellen Website von Visma - Lease a Bike. „Besonders fallen die beiden langen, relativ flachen Zeitfahren auf. So etwas gab es bei der Tour schon lange nicht mehr.“
Einen Kritikpunkt hat der Teammanager allerdings: Aus seiner Sicht hätten die Organisatoren durchaus mehr anspruchsvolle Bergankünfte einplanen können, um zusätzliche Möglichkeiten für entscheidende Zeitabstände im Hochgebirge zu schaffen. „Im Vergleich zum vergangenen Jahr zähle ich weniger Bergankünfte. Meiner Meinung nach hätten es mehr sein können.“

Vingegaards Tour-Aus 2026 hinterlässt entscheidende Fragezeichen

Bereits 2026 hatte sich Jonas Vingegaard einer außergewöhnlichen Herausforderung gestellt und sowohl den Giro d'Italia als auch die Tour de France in Angriff genommen. Bei der Italien-Rundfahrt dominierte der Däne das Geschehen, ohne vom späteren Zweitplatzierten Felix Gall ernsthaft unter Druck gesetzt zu werden. Dadurch konnte er seine Kräfte gezielt einteilen und sich darauf konzentrieren, möglichst ausgeruht zur Frankreich-Rundfahrt anzureisen. Auch dort verlief zunächst vieles nach Plan: Der damals 29-Jährige lag aussichtsreich im Rennen um den zweiten Gesamtrang, ehe ihn ein Sturz auf der 15. Etappe zur Aufgabe zwang.
Trotz dieses bitteren Endes zog Plugge ein positives Fazit aus Vingegaards Leistungen bei seiner zweiten Grand Tour des Jahres. Besonders bedauerlich sei allerdings gewesen, dass der vorzeitige Ausstieg eine entscheidende Frage unbeantwortet ließ: Wie hätte sich der Däne in der dritten Tour-Woche im direkten Vergleich mit Pogacar geschlagen?
„Er war wirklich gut in Form“, betonte Plugge. „Leider hatte er einen schweren Sturz und konnte deshalb letztlich nicht zeigen, wie es in der letzten Woche gelaufen wäre. Das war natürlich die große Herausforderung und die große Frage für die Zukunft.“
Gerade für die sportliche Auswertung und die Planung künftiger Saisonhöhepunkte stellt diese Ungewissheit ein Problem dar. „Eine fundierte Analyse ist mehr oder weniger schwierig, weil uns ab der 15. Etappe einige Daten fehlen.“
Sollte sich Visma - Lease a Bike dazu entscheiden, Vingegaard erneut mit dem anspruchsvollen Giro-Tour-Doppel zu betrauen, dürfte das Team bei der Vorbereitung deshalb auf ein ähnliches Konzept wie 2026 setzen.

Giro und Tour de France 2027? Plugge lässt Vingegaards Rennprogramm offen

Eine endgültige Entscheidung über Vingegaards Grand-Tour-Programm für die Saison 2027 ist allerdings noch nicht gefallen. Auch eine erneute Teilnahme am Giro d'Italia vor dem Start bei der Tour de France bleibt nach den Aussagen des Teammanagers ausdrücklich eine Option.
„Es ist schließlich erst Oktober. Wir analysieren und bewerten gerade alles und sprechen mit Jonas, den anderen Fahrern, den Trainern und den Sportlichen Leitern“, erklärte Plugge. „In den kommenden Wochen werden wir gemeinsam eine Entscheidung treffen.“
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