Die Grand Départs der
Tour de France 2027 und der
Tour de France Femmes könnten Großbritannien insgesamt rund 65 Millionen Pfund kosten. Damit würde die Austragung der beiden Rundfahrtstarts zu den teuersten internationalen Radsportveranstaltungen der Geschichte zählen. Da ein erheblicher Teil der Finanzierung aus öffentlichen Mitteln stammt, rückt neben den erwarteten wirtschaftlichen Vorteilen eine grundsätzliche Frage in den Mittelpunkt: Können die Rennen langfristig mehr Menschen zum Radfahren bewegen, oder bleibt vor allem ein kostspieliges Sportereignis mit kurzfristigem Nutzen?
Der britische Radsportjournalist Jeremy Whittle bezeichnete das Vorhaben in seinem
Substack-Newsletter als den „teuersten Grand Départ aller Zeiten“. Seiner Schätzung zufolge belaufen sich die Ausgaben für die insgesamt sechs Renntage der Männer- und Frauenrundfahrt auf durchschnittlich rund elf Millionen Pfund pro Tag. Dabei geht es keineswegs nur um die unmittelbare Organisation der Rennen. In die Kalkulation fließen unter anderem Sicherheitsmaßnahmen, kommunale Dienstleistungen und begleitende Projekte ein, die auch nach dem Ende der Veranstaltungen zur Förderung des Radfahrens beitragen sollen.
Millionen aus öffentlichen Kassen: So finanziert Großbritannien die Tour-Starts 2027
Die britische Regierung hat bereits zugesagt, die Austragung beider Rennen mit 32,17 Millionen Pfund zu unterstützen. Hinzu kommen Fördermittel aus den einzelnen Landesteilen. Schottland hat für den Grand Départ der Männer bis zu 9,25 Millionen Pfund angekündigt. Der Stadtrat von Edinburgh plant darüber hinaus, 1,7 Millionen Pfund aus der Tourismusabgabe für die Auftaktetappe bereitzustellen.
Tour-Direktor Christian Prudhomme und der ehemalige britische Sprintstar Mark Cavendish bei der Vorstellung der Grand Départs 2027. Die Austragung der Tour de France und der Tour de France Femmes soll Großbritannien insgesamt rund 65 Millionen Pfund kosten.
Auch Wales beteiligt sich an den Investitionen. Dort sind 4,5 Millionen Pfund für den Ausbau der Radtourismus-Infrastruktur vorgesehen. Diese Maßnahmen sollen über das eigentliche Rennereignis hinaus Bestand haben und langfristig zusätzliche Besucher anziehen.
Die bislang öffentlich genannten Finanzierungszusagen machen bereits einen beträchtlichen Teil der veranschlagten Gesamtkosten aus. Die Schätzung von rund 65 Millionen Pfund lässt sich damit allein jedoch noch nicht vollständig erklären. Zu berücksichtigen sind weitere Ausgaben, die durch die Austragung der Männer- und Frauenrennen in verschiedenen Teilen des Vereinigten Königreichs entstehen.
Mehr als 150 Millionen Pfund wirtschaftlicher Nutzen erwartet
Den hohen öffentlichen Investitionen stehen erhebliche wirtschaftliche Erwartungen gegenüber. Die britische Regierung geht davon aus, dass die beiden Grand Départs einen wirtschaftlichen Nutzen von mehr als 150 Millionen Pfund erzeugen könnten. Vor allem der Tourismus, die Ausgaben der Zuschauer, zusätzliche Umsätze für Unternehmen und die weltweite mediale Aufmerksamkeit sollen zu diesem Ergebnis beitragen.
Dass ein Tour-Start kurzfristig beträchtliche wirtschaftliche Impulse auslösen kann, zeigte bereits die Austragung von 2014. Damals begann die Tour de France der Männer in Yorkshire. Die Kosten für lokale und nationale Behörden wurden auf rund 29,4 Millionen Pfund geschätzt, während der wirtschaftliche Nutzen nach damaligen Berechnungen etwa 128 Millionen Pfund erreichte. Sowohl der Grand Départ in London 2007 als auch der Start in Yorkshire 2014 sorgten zudem für ein enormes öffentliches Interesse. Hunderttausende Zuschauer verfolgten die Rennen entlang der Straßen, während die umfangreiche Fernsehberichterstattung den Radsport einem breiteren britischen Publikum näherbrachte.
Allerdings dürfen solche Berechnungen nicht mit direkten Einnahmen für die öffentlichen Haushalte gleichgesetzt werden. Der prognostizierte wirtschaftliche Nutzen umfasst unter anderem touristische Ausgaben und zusätzliche Geschäftstätigkeit in den Austragungsregionen. Das bedeutet nicht, dass die investierten Steuergelder in gleicher Höhe an die staatlichen Stellen zurückfließen. Für die Bewertung der Veranstaltung 2027 wird deshalb entscheidend sein, ob die Investitionen auch nach dem Ende der Rennwoche nachhaltige und messbare Vorteile schaffen.
Ein weiterer erheblicher Kostenfaktor sind die Gebühren an den Tour-Veranstalter ASO. Austragungsorte müssen für das Recht, einen Grand Départ auszurichten, beträchtliche Summen bezahlen. Bei jüngeren Austragungen sollen diese Gebühren mehr als zehn Millionen Pfund betragen haben. Auch Barcelona und andere Gastgeber der vergangenen Jahre mussten entsprechend hohe Ausgaben einplanen. Welche Summe für die beiden britischen Tour-Starts 2027 tatsächlich an ASO fließt, ist bislang nicht öffentlich bekannt.
Kann die Tour de France 2027 den britischen Radsport nachhaltig stärken?
Neben den wirtschaftlichen Erwartungen stellt sich die Frage, welche langfristigen Auswirkungen die Rennen auf den britischen Radsport haben werden. Die Grand Départs von 2007 und 2014 hatten zweifellos dazu beigetragen, das Interesse am professionellen Radsport zu steigern. Doch die Voraussetzungen haben sich seitdem erheblich verändert.
Jeremy Whittle erinnert in seiner Analyse daran, dass der Erfolg solcher Großveranstaltungen nicht allein an Zuschauerzahlen und kurzfristigen Umsätzen gemessen werden sollte. „Wie also lässt sich das Vermächtnis dieser großen, einmaligen Veranstaltungen messen? In Yorkshire wurden sicher mehr Pints gezapft, mehr Tassen Tee aufgebrüht und mehr Hotelbetten verkauft. Wirtschaftlich gab es einen spürbaren kurzfristigen Nutzen. Die Stimmung war gut“, schrieb der Journalist.
Gleichzeitig verweist er auf die Veränderungen, die der britische Radsport in den vergangenen Jahren erlebt hat. „Die Lage hat sich seitdem verändert. Team Sky gibt es nicht mehr, ITV überträgt nicht mehr frei empfangbar und die Mitgliederzahl von British Cycling geht inzwischen zurück. Wir haben eine Pandemie, eine Lebenshaltungskostenkrise und einen Krieg in Europa erlebt.“
Gerade vor diesem Hintergrund dürfte die nachhaltige Wirkung der Tour-Starts 2027 besonders kritisch betrachtet werden. Die britische Regierung und die Veranstalter wollen mit verschiedenen Initiativen dafür sorgen, dass die Rennen mehr hinterlassen als eindrucksvolle Fernsehbilder und gut besuchte Straßen. Geplant sind unter anderem Investitionen in die Radtourismus-Infrastruktur sowie Programme mit gesellschaftlichem Schwerpunkt, die Menschen zu mehr Bewegung und zum Radfahren motivieren sollen.
Ob diese Vorhaben tatsächlich erfolgreich sind, wird sich allerdings erst nach der Veranstaltung beurteilen lassen. Entscheidend ist nicht nur, welche Projekte angekündigt werden, sondern auch, wie konsequent sie umgesetzt werden und ob ihre Wirkung langfristig messbar bleibt. Bei geschätzten Gesamtausgaben von 65 Millionen Pfund dürfte genau das zum wichtigsten Maßstab werden, an dem sich der Erfolg der britischen Grand Départs 2027 messen lassen muss.