Remco Evenepoel zieht Saisonbilanz: „Am meisten schmerzten meine Beine – und mein Herz“

Radsport
durch Nic Gayer
Remco Evenepoel before the start of Clasica San Sebastian 2026
Remco Evenepoel blickt auf eine Saison 2026 zurück, die von großen Erfolgen, aber auch schmerzhaften Enttäuschungen geprägt war. Der Belgier überzeugte bei der Tour de France mit zwei Etappensiegen und dem zweiten Gesamtrang, verpasste bei der Flandern-Rundfahrt jedoch nur knapp einen seiner größten erhofften Triumphe. Trotz seiner beeindruckenden Ergebnisse beschäftigt den 26-Jährigen vor allem eine Frage: Was wäre möglich gewesen, wenn er bei sämtlichen Saisonhöhepunkten seine absolute Bestform erreicht hätte?
Seine stärksten Leistungen zeigte der Kapitän von Red Bull - BORA - hansgrohe zweifellos bei der Tour de France. Dort feierte Evenepoel seinen ersten Etappensieg in einem Straßenrennen bei einer Grand Tour, triumphierte zusätzlich im Einzelzeitfahren und sicherte sich schließlich den zweiten Platz in der Gesamtwertung. Noch nie zuvor hatte er die Frankreich-Rundfahrt so erfolgreich abgeschlossen. Nach mehr als zwei Monaten akribischer Vorbereitung war der Belgier zum entscheidenden Zeitpunkt in Topform und glaubt nun, den richtigen Weg gefunden zu haben, um sein volles Potenzial auszuschöpfen.

Trotz erfolgreicher Tour de France: Evenepoel hadert mit verpassten Chancen

Gerade die intensive Vorbereitung auf die Tour hat Evenepoel wichtige Erkenntnisse für die Zukunft geliefert. Die Enttäuschungen aus anderen Saisonabschnitten möchte er deshalb nicht einfach abhaken, sondern gezielt aufarbeiten, um 2027 noch konstanter auf höchstem Niveau auftreten zu können.
Remco Evenepoel vor der Lombardei-Rundfahrt 2026
Gemeinsam mit seinen Trainern und den Verantwortlichen von Red Bull - BORA - hansgrohe will er insbesondere die letzten Saisonrennen analysieren. Sowohl bei der Radsport-WM als auch bei der Lombardei-Rundfahrt blieb Evenepoel hinter seinen eigenen Erwartungen zurück. Doch während diese beiden Enttäuschungen noch aufgearbeitet werden sollen, ist es vor allem ein anderes Rennen, das ihm rückblickend keine Ruhe lässt: die Flandern-Rundfahrt.
Bei seinem Debüt bei dem prestigeträchtigen Monument hatte Evenepoel den entscheidenden Angriff von Tadej Pogacar und Mathieu van der Poel nicht mitgehen können. Dennoch gab sich der Belgier keineswegs geschlagen. In der letzten Rennstunde kämpfte er sich immer wieder an das Spitzenduo heran und verkürzte auf den flachen und welligen Passagen zwischen den Kopfsteinpflasteranstiegen den Rückstand erheblich. Zeitweise schien der Anschluss zum Greifen nah, doch letztlich reichte es nicht. Evenepoel musste sich mit dem dritten Platz begnügen.

„Dort war ich wirklich nicht gut“ – Evenepoel spricht offen über seine Schwächen

„Es war eine lange Saison, aber insgesamt eine gute. Es gab Höhen und Tiefen, doch zum Glück überwogen die Höhen“, erklärte Evenepoel in einem Interview mit der belgischen Zeitung HLN.
Besonders die knapp verpasste Chance bei der Flandern-Rundfahrt beschäftigt ihn bis heute. „Das Straßenrennen bei der Radsport-WM und die Lombardei-Rundfahrt liefen nicht gut. Darüber werden wir intern sicher bald sprechen. Am meisten schmerzten meine Beine – und auch mein Herz –, als ich auf dem letzten Abschnitt der Flandern-Rundfahrt den letzten Rückstand von fünf Sekunden auf Tadej Pogacar und Mathieu van der Poel nicht mehr schließen konnte. Am schlechtesten fühlte ich mich bei der UAE Tour. Dort war ich wirklich nicht gut.“
Aus diesen Erfahrungen will Evenepoel nun die richtigen Konsequenzen ziehen. Eine zentrale Erkenntnis betrifft dabei seine Saisonplanung. Während er 2026 als prominenter Neuzugang bei Red Bull - BORA - hansgrohe möglichst früh Erfolge feiern und sich in seiner neuen Mannschaft beweisen wollte, sieht er dafür im kommenden Jahr keine Notwendigkeit mehr. Statt bereits zu Saisonbeginn in Bestform sein zu müssen, möchte er seine Vorbereitung konsequenter auf die wichtigsten Ziele ausrichten.

Neuer Rennkalender für 2027: Evenepoel will seine Kräfte gezielter einsetzen

Für die kommende Saison zeichnet sich deshalb eine veränderte Herangehensweise ab. Evenepoel plant einen stärker auf einzelne Höhepunkte zugeschnittenen Rennkalender und möchte vermeiden, innerhalb kurzer Zeit zu viele Wettbewerbe zu bestreiten. Längere und gezieltere Vorbereitungsphasen sollen ihm helfen, seine körperlichen Voraussetzungen zum richtigen Zeitpunkt optimal auszuschöpfen.
„Eines ist sicher: Ich werde nächstes Jahr nicht so früh in die Saison starten wie in diesem Jahr. Als Neuzugang im Team war das zu erwarten. Ich wollte mich beweisen, mich möglichst gut in die Mannschaft integrieren und so schnell wie möglich gewinnen. Im kommenden Jahr wird das anders sein“, kündigte der Belgier an.
Auch bei der Abstimmung zwischen Trainingsphasen und Renneinsätzen will Evenepoel gemeinsam mit seinem Team nachjustieren. „Wir haben außerdem erkannt und gelernt, dass ich für meine großen Ziele sehr gründliche Vorbereitungsphasen brauche. Diese wollen wir deshalb noch gezielter planen. Und wir werden vermeiden, von Rennen zu Rennen zu hetzen, wie es 2026 einige Male der Fall war.“
Wie genau sein Rennprogramm für 2027 aussehen wird, dürfte sich schon in wenigen Wochen entscheiden. Am 11. Dezember startet Red Bull - BORA - hansgrohe auf Mallorca offiziell in die Vorbereitung auf die neue Saison und will dort auch seine sportlichen Ziele vorstellen. Im Rahmen dieser Veranstaltung wird voraussichtlich auch Evenepoel seinen Rennkalender bekannt geben. Dann dürfte sich zeigen, welche Konsequenzen der Belgier aus seinem wechselhaften, aber insgesamt erfolgreichen ersten Jahr im Trikot der deutschen Mannschaft gezogen hat.
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