Nico Denz kennt die besondere Logik eines Mannschaftszeitfahrens. Es ist eine Disziplin, die nach außen nach reiner Kraft aussieht, in Wahrheit aber viel mit Maß, Gefühl und Vertrauen zu tun hat. Genau darüber sprach der Fahrer von Red Bull-Bora-hansgrohe vor dem Auftakt der Tour de France 2026 in Barcelona.
Im Mittelpunkt steht Remco Evenepoel. Der Belgier ist einer der besten Zeitfahrer der Welt, ein Fahrer, der ein sehr hohes Tempo lange und scheinbar kontrolliert halten kann. Für seine Mannschaft ist das ein Vorteil. Zugleich bringt es eine Schwierigkeit mit sich: Wer hinter Evenepoel fährt, profitiert zwar vom Windschatten, muss aber auch in der Lage sein, dessen Rhythmus mitzugehen.
Denz beschrieb diese Aufgabe als knifflig. Nicht, weil der Windschatten fehlt, sondern weil er bei einem derart hohen Tempo präzise genutzt werden muss. Schon kleine Lücken kosten Kraft. Ein zu harter Antritt kann die Formation auseinanderziehen. Ein unsauberer Wechsel kann den Rhythmus der ganzen Mannschaft stören.
Die Tour de France 2026 beginnt in Barcelona mit einem Mannschaftszeitfahren über 19,7 Kilometer. Das Ziel liegt auf dem Montjuïc, vor dem Olympiastadion. Schon am ersten Tag wird die Gesamtwertung damit nicht nur von einzelnen Kapitänen geprägt, sondern von der Geschlossenheit ihrer Teams.
Für Red Bull-Bora-hansgrohe ist diese Etappe eine frühe Prüfung. Die Mannschaft verfügt mit Evenepoel über einen außergewöhnlichen Motor. Doch genau diese Stärke muss dosiert werden. Im Mannschaftszeitfahren gewinnt nicht zwingend das Team mit dem stärksten Einzelnen, sondern jenes, das seine Kraft am besten verteilt.
Denz’ Einschätzung verweist auf diesen schmalen Grat. Evenepoel kann eine Formation schneller machen. Er kann sie aber auch an eine Grenze führen, wenn Tempo und Wechsel nicht exakt abgestimmt sind.
Der Begriff Windschatten klingt im Radsport oft nach Entlastung. In einem Mannschaftszeitfahren ist er jedoch kein bequemer Schutzraum. Er verlangt Konzentration, Nähe zum Hinterrad und ständige Reaktionsbereitschaft.
Je schneller der Fahrer vorne fährt, desto kleiner wird der Spielraum dahinter. Wer einen Meter verliert, muss sofort investieren. Wer zu spät reagiert, bringt nicht nur sich selbst, sondern die gesamte Reihe in Schwierigkeiten. Genau deshalb ist Denz’ Hinweis mehr als eine technische Randbemerkung.
Red Bull-Bora-hansgrohe muss Stärke ordnen
Für Red Bull-Bora-hansgrohe geht es in Barcelona nicht nur darum, schnell zu sein. Es geht darum, die vorhandene Stärke in eine saubere Struktur zu bringen. Die Wechsel müssen stimmen, die Abstände müssen klein bleiben, und niemand darf zu früh überfordert werden.
Das ist besonders wichtig, weil ein Mannschaftszeitfahren am ersten Tour-Tag psychologisch schwer wiegt. Ein guter Auftakt kann Ruhe und Selbstvertrauen geben. Ein unruhiger Auftakt kann Sekunden kosten und sofort Fragen aufwerfen.
Denz wirkt in diesem Zusammenhang nicht skeptisch, sondern aufmerksam. Seine Worte klingen nach Erfahrung. Er weiß, dass ein starkes Team nicht nur aus starken Fahrern besteht, sondern aus Fahrern, die ihr Tempo gemeinsam kontrollieren können.
Evenepoels Kraft als kollektive Aufgabe
Die Rolle Evenepoels macht den Auftakt für Red Bull-Bora-hansgrohe besonders interessant. Er ist der Fahrer, der die Geschwindigkeit prägen kann. Doch im Mannschaftszeitfahren darf diese Geschwindigkeit nicht zur Solonummer werden.
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um in der Rangliste mitzumachen.
Wenn das Team seine Kraft richtig einteilt, kann Evenepoel zum entscheidenden Vorteil werden. Wenn die Formation aber zu sehr unter Druck gerät, kann dieselbe Stärke zur Belastung werden. Genau darin liegt die Spannung dieses Tour-Auftakts.
Barcelona wird deshalb früh zeigen, wie weit Red Bull-Bora-hansgrohe als Einheit bereits ist. Nicht nur Evenepoels Form wird zählen, sondern auch die Fähigkeit seiner Teamkollegen, sein Tempo in eine gemeinsame Leistung zu übersetzen.
Denz hat das Problem nüchtern beschrieben. Im Windschatten eines Fahrers wie Evenepoel fährt man nicht einfach mit. Man muss ihn beherrschen.
Pascal MichielsSEO-Manager, Sportjournalist und Editor-in-chief
In meiner Nachbarschaft wuchs man mit der Tour de France auf. Sie war überall – es waren die letzten großen Jahre von Eddy Merckx. Wir waren Kinder, trugen Trikots und spielten die gesamte Rundfahrt nach. Zwei Brücken wurden zu unseren „Bergen“, und wir rasten über Straßen, als Autos noch nicht den Ton angaben. Mit 13 Jahren war mein Herz endgültig dem Radsport verfallen. In einem Urlaub in Frankreich durfte ich nach langem Drängen eine echte Bergetappe fahren – mit meinem Fahrrad von zu Hause, drei Gängen, Licht, dicken Reifen und Schutzblechen.
Ich brach früh auf, fuhr den Col de Joux Plane und anschließend Morzine-Avoriaz. Proviant: eine Tüte Kirschen, kein Wasser, keine Erfahrung. Von Les Gets aus wurde es trotzdem der glücklichste Tag meines Lebens. Als ich die Häuser auf halber Höhe des Joux Plane erreichte, wusste ich, dass ich nicht aufhören würde zu treten. Oben angekommen trank ich an einem Baumstamm – und spürte eine Freude, die ich bis heute mit dem Radsport verbinde. Im Tal stand die Entscheidung an: zurück oder weiter nach Avoriaz. Ich fuhr weiter, ohne anzuhalten, und schaffte auch den zweiten Anstieg. Mit meinem knallroten, eigentlich lächerlichen Rad überholte ich Fahrer auf echten Rennrädern. Wieder dieses Glück.
Dieses unverfälschte Gefühl begleitet mich bis heute – und es ist der Ursprung meiner Arbeit. Ich bin Chefredakteur von Radsportaktuell.de und verantworte die redaktionelle Ausrichtung der Plattform: Themenpriorisierung, Qualitätsstandards, Faktenprüfung und die konsequente Aktualisierung von Inhalten, sobald neue, verifizierte Informationen vorliegen. Neben der Leitung der Redaktion schreibe und editiere ich selbst und lege besonderen Wert auf klare Einordnung, präzise Sprache und nachvollziehbare Analysen.
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