Moreno Moser über Mathieu van der Poels Flandern-Taktik: „Nichts zu tun, hieße zuzugeben, dass er unterlegen ist“

Radsport
durch Nic Gayer
Freitag, 10 April 2026 um 14:30
tadejpogacar-mathieuvanderpoel
Die Diskussionen nach der Flandern-Rundfahrt 2026 sind noch längst nicht abgeklungen – doch der Blick richtet sich bereits auf das nächste große Kapitel der Klassiker-Saison. Während sich Mathieu van der Poel auf das erneute Duell mit Tadej Pogačar bei Paris–Roubaix vorbereitet, sorgt seine Zusammenarbeit mit dem Slowenen im Finale von Flandern weiterhin für Diskussionen. Die Entscheidung spaltet Beobachter – und wirft Fragen auf, wie er die Rivalität künftig angehen sollte.
Nun hat Ex-Profi Moreno Moser eine differenzierte Einordnung geliefert. Für ihn war die Zusammenarbeit nicht nur taktisch motiviert, sondern auch Ausdruck einer menschlichen Reaktion im direkten Duell zweier Ausnahmefahrer.

Zwischen Stolz und Rennrealität: Mosers Erklärung der Flandern-Entscheidung

„In der Live-Analyse habe ich die Situation einfach beschrieben, denn ich stehe auch irgendwo dazwischen“, sagte Moser im Gespräch mit Bici.Pro. „Van der Poel arbeitet, weil er sich nicht unterlegen fühlen will. Nichts zu tun, hieße zuzugeben, dass er unterlegen ist.“
Damit trifft Moser den Kern der Debatte um das Finale von Flandern. Als Pogačar am Oude Kwaremont seine entscheidende Attacke setzte, ging es nicht allein darum, ob van der Poel gewinnen konnte – sondern auch darum, ob er bereit war, so zu fahren, als könne er es nicht.

Stolz, Druck und das Pogacar-Problem

Auf den ersten Blick erscheint die Kritik eindeutig: Mit seiner Führungsarbeit hielt van der Poel das Tempo hoch und spielte damit Pogačar in die Karten, der aus kontrollierter Position seinen inzwischen typischen entscheidenden Angriff setzen konnte. Analysten und ehemalige Profis verwiesen auf alternative Szenarien, in denen eine gestörte Zusammenarbeit möglicherweise wieder Fahrer von hinten ins Rennen gebracht hätte.
Auch Moser hält diese Variante für denkbar, vermeidet jedoch bewusst den Begriff eines taktischen Fehlers. „Wenn Van der Poel nicht gearbeitet hätte, hätte er Pogacar vielleicht irritiert und womöglich wäre Remco Evenepoel zurückgekommen und sogar attackiert“, erklärte er. „Es hätten sich andere Dynamiken ergeben können. Mit Arbeit erschaffst du hingegen das Szenario, in dem der Stärkste einfach durchzieht. Und da der Stärkste Tadej war, nun ja…“
Doch auch diese Alternative hätte Risiken mit sich gebracht. „Man muss auch berücksichtigen, dass man, wenn man die Arbeit einstellt, beim ersten Antritt abgehängt werden kann“, ergänzte Moser. „Wenn du anfängst, clever zu sein, nicht arbeitest und dann trotzdem verlierst, stehst du schlecht da.“
Zugleich hatte die gewählte Strategie unmittelbare Konsequenzen. „Indem er mit Pogacar zusammenarbeitete, verbrauchte Van der Poel die restliche Energie und zahlte dafür am Kwaremont.“
Ein vertrautes Dilemma im Duell mit Pogačar: Dessen Fähigkeit, wiederholt extreme Intensitäten zu fahren, reduziert oft die taktischen Optionen auf wenige Wege – und jeder davon ist mit Risiko verbunden.

Ein Rennen, entschieden durch Stärke statt Strategie

Neben der taktischen Diskussion weist Moser auf einen weiteren, unbequemen Aspekt hin. Trotz aller strategischen Überlegungen sei das Ergebnis vor allem durch physische Unterschiede bestimmt worden. „Wenn Flandern auf Zwift gefahren worden wäre, wäre das Resultat dasselbe“, sagte er. „Misst du Watt pro Kilo, bekommst du dieselbe Reihenfolge oder etwas sehr Ähnliches.“
Diese Einschätzung passt zu einem Eindruck, der sich im Peloton zunehmend verfestigt. Pogačars Auftritte bei den Pflaster-Klassikern liefern nicht nur Ergebnisse – sie verändern auch die Art, wie Rennen gefahren werden. Klassische Mittel wie Tempowechsel, taktisches Verzögern oder kurzfristige Allianzen verlieren an Wirkung, wenn ein Fahrer seine Gegner schlicht distanzieren kann.
Vor diesem Hintergrund wirkt van der Poels Entscheidung weniger wie ein Fehler als vielmehr wie das Ergebnis einer klaren Grenzsituation. Er fuhr mit der Gruppe, nutzte seine vorhandene Form und erreichte den entscheidenden Moment in der Überzeugung, Pogačar folgen zu können. „Im Vergleich zum Vorjahr hielt er sich am Kwaremont deutlich besser“, sagte Moser. „Er kam überzeugt am Schlüsselmoment an, nicht abzufallen. Und auch Pogacar musste sehr tief gehen, um ihn abzuschütteln.“
Hinzu kam eine pragmatische Überlegung im Rennverlauf. „Alle, die ich abgehängt habe, sind hinten – warum sollte ich sie zurückbringen?“

Warum Paris–Roubaix die Gleichung verändert

Der Blick richtet sich nun auf das kommende Wochenende und damit auf ein Rennen mit anderen Voraussetzungen. Paris–Roubaix stellt eine Herausforderung dar, die taktisch neue Möglichkeiten eröffnet. „Ich glaube, er gewinnt Roubaix“, sagte Moser über van der Poel. „Vielleicht lässt er ihn nicht auf dem Pflaster stehen, aber im Sprint ist er überlegen.“
Diese Einschätzung hängt eng mit dem Charakter des Rennens zusammen. Während die Flandern-Rundfahrt zunehmend durch explosive Attacken an Anstiegen wie dem Oude Kwaremont entschieden wird, bietet Paris–Roubaix einen längeren, unberechenbareren Belastungstest, bei dem Positionierung, Ausdauer und Rennglück stärker ins Gewicht fallen. „Egal wie stark du bist, es ist schwieriger, Fahrer vom Hinterrad zu lösen“, erklärte Moser. „Roubaix hat 150 Kilometer Spannung. Es ist ein anderes Rennen.“
Zudem bleibt das Feld häufig länger geschlossen, wodurch Kooperationen, taktisches Zögern oder opportunistische Entscheidungen stärker wirken können als in Flandern.

Die entscheidende Frage bleibt offen

Damit steht van der Poel erneut vor einer vertrauten Grundsatzentscheidung – diesmal jedoch unter veränderten Voraussetzungen. Fährt er erneut kompromisslos auf Augenhöhe mit Pogačar? Oder nutzt er die Unwägbarkeiten von Roubaix, um genau jene Störung zu erzeugen, die in Flandern nur Theorie blieb?
Mosers Analyse deutet darauf hin, dass die Antwort weniger aus Kalkül als aus Instinkt entstehen könnte. „Er ist vermutlich sehr stolz, und Stolz kann manchmal eher Schwäche als Stärke sein.“
Denn in einer Rivalität, die zunehmend von minimalen Abständen und maximaler Leistungsfähigkeit geprägt ist, lautet die entscheidende Frage möglicherweise nicht mehr, wie man Pogačar schlägt – sondern wie viel Risiko man bereit ist, dafür einzugehen.
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