Matteo Jorgenson hatte sich für die Saison 2026 viel vorgenommen. Doch nach seinem letzten Renneinsatz des Jahres muss der US-Amerikaner von
Visma - Lease a Bike eine ernüchternde Bilanz ziehen: Keines seiner ursprünglich gesteckten Ziele konnte er verwirklichen. Dennoch blickt der 27-Jährige keineswegs ausschließlich mit Enttäuschung zurück. Vielmehr zieht er aus den Rückschlägen wichtige Erkenntnisse und denkt bereits darüber nach, wie er seine Saisonplanung für 2027 verändern könnte.
Im Frühjahr hatte Jorgenson seine gesamte Vorbereitung auf die Ardennen-Klassiker ausgerichtet. Monatelanges Training und intensive Höhentrainingslager sollten ihn pünktlich zu den entscheidenden Rennen in Bestform bringen. Doch beim Amstel Gold Race nahm sein ambitionierter Plan ein jähes Ende: Ein Sturz mit anschließendem Schlüsselbeinbruch machte sämtliche Hoffnungen zunichte und ließ die aufwendige Vorbereitung mit einer bitteren Enttäuschung enden.
Nach bitterem Rückschlag: Jorgenson kämpft sich zurück
Bei der Tour Auvergne-Rhône-Alpes feierte der US-Amerikaner sein Comeback, konnte zunächst allerdings nicht an seine gewohnte Leistungsfähigkeit anknüpfen. Seine Form schwankte, der Weg zurück auf sein höchstes Niveau erwies sich als mühsam. Erst im letzten Abschnitt der Saison, in dem auch die
Radsport-WM auf dem Programm stand, fand Jorgenson zunehmend zu seiner alten Stärke zurück.
Matteo Jorgenson blickt auf eine Saison voller Rückschläge zurück, spielte bei der Radsport-WM in Montreal aber eine entscheidende Rolle beim Titelgewinn von Brandon McNulty.
Im Rückblick hinterfragt er vor allem die Entscheidung, seine Saisonvorbereitung so konsequent auf die drei Ardennen-Klassiker Amstel Gold Race, La Fleche Wallonne und Liege-Bastogne-Liege auszurichten. Der enorme Aufwand habe auch einen entsprechend hohen Erwartungsdruck erzeugt. Gleichzeitig weiß Jorgenson, dass selbst die sorgfältigste Planung keine Garantie für sportlichen Erfolg bietet.
„Ich denke, es war eine gute Saison. Ich kann sie nicht allzu negativ bewerten. Gemessen an meinen Erwartungen ist nicht alles nach Plan gelaufen, und ich habe kein einziges Rennen gewonnen“, erklärte er gegenüber
Domestique.
„Eigentlich habe ich keines meiner Ziele erreicht“
„Eigentlich habe ich keines der Ziele erreicht, die ich mir zu Jahresbeginn gesetzt hatte. Aber man kann eben nicht jedes Jahr eine perfekte Saison haben.“
Besonders der verhängnisvolle Tag beim Amstel Gold Race ist Jorgenson in Erinnerung geblieben. Ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt, als er sich auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit wähnte, wurde er durch den Sturz ausgebremst. Umso bemerkenswerter war für ihn die Entwicklung in den letzten Saisonwochen, als er sich erneut in hervorragender Verfassung präsentierte.
„Der Sturz beim Amstel Gold Race hat für mich definitiv vieles verändert. Ich glaube, dass ich damals in Topform war. Gegen Ende des Jahres war ich dann aber wieder richtig gut in Form – das war eine neue Erfahrung für mich.“
Für 2027 plant Jorgenson deshalb keine vollständige Neuausrichtung seiner Vorbereitung. Die Ardennen-Klassiker sollen weiterhin eine wichtige Rolle spielen, allerdings möchte er nicht noch einmal sämtliche Anstrengungen ausschließlich auf diese drei Renntage konzentrieren. Stattdessen denkt er darüber nach, zusätzliche Rennen vor oder nach den Klassikern in sein Programm aufzunehmen.
„Ich habe darüber nachgedacht und bin mir nicht sicher, ob ich dieselbe Vorbereitung noch einmal absolvieren möchte. Natürlich wäre es großartig, wieder in den Ardennen zu fahren. Aber mich erneut ausschließlich darauf zu konzentrieren?“
„Wenn sich alles nur um drei Rennen dreht, entsteht ein enormer Druck. Außerdem ist es hart, einen ganzen Monat im Höhentrainingslager zu verbringen, nur um anschließend an drei Tagen Rennen zu fahren. Vielleicht gehen wir es deshalb anders an und nehmen noch ein Rennen davor oder danach ins Programm. Es wäre aber schön, wieder bei diesen Klassikern am Start zu stehen.“
Jorgensons Masterplan führt zum Regenbogentrikot
Einen besonderen Höhepunkt erlebte Jorgenson bei der Radsport-WM in Montreal. Dort spielte er eine entscheidende Rolle beim Triumph seines US-amerikanischen Nationalmannschaftskollegen Brandon McNulty, der sich das begehrte Regenbogentrikot sicherte. Als der Fahrer von UAE Team Emirates - XRG 32 Kilometer vor dem Ziel zu seiner entscheidenden Soloattacke ansetzte, übernahm Jorgenson dahinter eine wichtige taktische Aufgabe: In herausragender Verfassung neutralisierte er die Gegenangriffe der Konkurrenz und trug damit maßgeblich zum Erfolg seines Teamkollegen bei.
Doch Jorgensons Anteil am Titelgewinn ging weit über seine Leistung auf dem Rad hinaus. Während seine Form im Saisonfinale immer besser wurde und die Radsport-WM näher rückte, hatte er sich intensiv mit den taktischen Möglichkeiten der US-Nationalmannschaft beschäftigt. Wie er nun verriet, war nicht nur McNultys entscheidender Angriff Teil eines ausgeklügelten Plans. Jorgenson selbst hatte die Strategie entwickelt, mit der die Amerikaner schließlich das Regenbogentrikot eroberten.
„Ich sage das nur ungern, weil ich noch eine Weile darüber nachdenken möchte. Aber ich glaube, dass dieses Rennen vielleicht dasjenige ist, auf das ich am stolzesten bin. Schließlich war ich maßgeblich an der Planung und Umsetzung beteiligt.“
„Während meiner Trainingsfahrten nach der Tour habe ich diesen Sommer sehr viel darüber nachgedacht: Was wäre die beste Strategie? Wer sind unsere Konkurrenten? Wir mussten uns darüber austauschen, und ich habe meine Überlegungen in einem Dokument festgehalten. Etwa eine Woche vor dem Rennen habe ich es an alle Fahrer geschickt. Am Vorabend haben wir den Plan dann endgültig festgelegt.“