„Im Moment gibt es wirklich nichts“ – Tom Dumoulin nimmt Tadej Pogačar in Schutz angesichts neu aufflammender Dopingvorwürfe

Radsport
Freitag, 10 Juli 2026 um 21:00
Collage_TadejPogacarTomDumoulin
Tadej Pogacar hat die 6. Etappe der Tour de France dominierend gewonnen und 2:38 Minuten auf Jonas Vingegaard herausgefahren – und noch mehr auf den Rest des Feldes. Eine derart überlegene Vorstellung schürt erneut Fragen, in den sozialen Medien flammt eine Welle von Dopingvorwürfen auf. Tom Dumoulin hat das Thema aufgegriffen.
„Ich glaube, wir sehen hier schlicht ein Supertalent“, sagte der Ex-Profi in De Avondetappe. „Gleichzeitig verstehe ich vollkommen, dass Menschen Fragen stellen, gerade mit Blick auf die Vergangenheit des Radsports. Ich verstehe, warum diese Fragen aufkommen. Natürlich hat sich die Radsportwelt das in Teilen selbst eingebrockt.“
Pogacars Dominanz in den vergangenen Jahren hat dem Slowenen immer wieder Anschuldigungen eingebracht, zudem beschäftigt UAE Team Emirates – XRG Mitarbeiter, die in früheren Jahrzehnten Teil in Verruf geratener Strukturen waren.
Zur Tour de France sind solche Fragen fast unvermeidlich, doch weil Pogacar bereits auf Etappe 6 überzeugend für einen dritten Gesamtsieg in Serie argumentiert, kommen sie früher als erwartet auf. In den nächsten Wochen dürften sie direkt auf Pogacar und UAE einzahlen.
„Aber ich möchte hier keinesfalls den Weg von Andeutungen gehen. Zuerst schaue ich einem Fahrer zu, an dem ich enormen Gefallen finde. Wie ich vorhin mit den Abfahrtsbildern zu erklären versuchte: Er ist einfach ein fantastisch guter Rennfahrer. Ich hoffe, alles ist komplett sauber, und davon sollten wir derzeit auch ausgehen.“
Tadej Pogacar in Aktion auf Etappe 6 der Tour de France 2026
Pogacar dominierte die 6. Etappe der Tour de France

Keine Hinweise gegen Pogacar

Das Regenbogentrikot dominiert mehrere Bereiche des Sports, vermittelt das Bild eines Fahrers, der genetisch über dem Rest des Pelotons steht, flankiert von Trainings- und Ernährungsprogrammen, die ihn an sein Leistungsmaximum bringen – und eingebettet in das derzeit stärkste Team des Sports.
Die Hilflosigkeit seiner Rivalen bei der Tour zeichnet ein drastisches Bild: die besten Kletterer der Welt in Topform, Kopf an Kopf gegen ihn. Dumoulin meidet Insinuationen, betont aber die Notwendigkeit strenger und konsistenter Kontrollen.
„Es gibt keinerlei Anlass oder Belege, die auf etwas anderes hindeuten. In der Vergangenheit gab es diese Belege und Zeichen, doch aktuell wirklich nichts. Natürlich sollten wir nicht naiv sein, aber in gewisser Weise ist es auch ein Kompliment an ihn. Wenn du so gut bist, denken die Leute sofort in diese Richtung“, argumentiert der Niederländer. „Noch einmal: Ich verstehe die Frage und hoffe, ich habe sie so gut wie möglich beantwortet.“
„Manchmal versuchen wir im Sport, diese seltenen Supertalente – die nur alle Jubeljahre auftauchen – auf unsere menschliche Art zu erklären. Wir versuchen zu erklären, warum ein Messi so gut ist, aber in Wahrheit verstehen wir es schlicht nicht“, vergleicht Dumoulin.
Doch mit der großen Reichweite des Radsports im Juli verbreiten sich Vorwürfe international wie ein Lauffeuer. „Das kann mitunter Gegenreaktionen auslösen, gerade in den Niederlanden. Wir verstehen es nicht, aber vor allem sollten wir es genießen. Ab und zu kommt jemand mit so einem enormen Megatalent.“

Dumoulin stellt Jonas Vingegaards Materialwahl infrage

Parallel stellte Dumoulin bei der ersten Schlüsseltappe das Material von Jonas Vingegaard infrage. Konkret ging es um den Einsatz eines Einfach-Kettenblatts.
„Was am Tourmalet am meisten auffiel, wo wir kurz einen guten Blick darauf hatten, war seine Materialwahl. Er fuhr den Tourmalet auf dem großen Blatt hoch. Man denkt: Wow, auf dem großen Blatt? Aber der Punkt ist, dass er nur ein Kettenblatt hat.“
Die Niederlage gegen den Slowenen war ein harter Schlag. Gleichwohl wirkte der Däne am Col du Tourmalet klar wie der Zweitstärkste und zeigte sich nach dem schwierigen Resultat im Ziel in Gavarnie professionell.
„Das ist schon bemerkenswert. Direkt nach dem Ziel standen wieder alle Journalisten um ihn herum. Man kann sich vorstellen: Wenn du an Tag sechs der Tour, in der ersten echten Bergetappe, fast drei Minuten verlierst, willst du eigentlich nur in den Teambus. Aber das tat er nicht. Er hat sich wirklich Zeit genommen“, betonte Dumoulin, ein früherer Teamkollege des Dänen.
„Jonas hat sich bewusst für ein einzelnes Kettenblatt vorne entschieden. Das bedeutet automatisch, dass du hinten nur elf oder zwölf Gänge zur Verfügung hast. Das musst du auf den steilsten Anstiegen managen, aber auch in den schnellsten Abfahrten, wo du eigentlich einen viel größeren Gang drücken willst.“
Jonas Vingegaard in Aktion auf Etappe 6 der Tour de France 2026
War Vingegaards Übersetzungswahl am Tourmalet suboptimal?
„Und wofür macht er das alles? Um im Vergleich zu einem Zweifach-Kettenblatt ein klein wenig Gewicht zu sparen. Wir reden vielleicht von 40 oder 50 Gramm. Das ist so gut wie nichts. Einmal weniger an der Flasche sprühen, und du hast das schon gespart.“
Dumoulin argumentiert, es gebe keinen Grund, vom klassischen Kettenblatt-Setup abzuweichen, wie es die Mehrheit des Pelotons nutzt. Auf der sehr schnellen Abfahrt vom Tourmalet und dem sanften Anstieg ins Ziel könnte das fehlende größere Blatt zur Entstehung der großen Lücke beigetragen haben. Doch auch bergauf könne sich ein Unterschied bemerkbar machen.
Am Ende ist es eine Frage der Präferenz, in Dumoulins Augen jedoch keine sinnvolle Änderung. „Man riskiert auch reinen Energieverlust. Weil die Kette ohne zweites Kettenblatt häufiger im Winkel läuft, entsteht zusätzliche Reibung im Antrieb. Das ist schlicht Leistungsverlust. Nicht all die Energie, die du in die Pedale gibst, kommt ebenso effizient am Hinterrad an.“
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