„Ich habe alles gegeben“ – Van der Breggen verzichtet nach Giro-Drama auf Ausreden

Radsport
durch Nic Gayer
Sonntag, 07 Juni 2026 um 19:30
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Anna van der Breggen hat nach dem bitteren Verlust der Maglia Rosa auf der Schlussetappe des Giro d’Italia Women keine Entschuldigungen gesucht. Trotz eines Sturzes auf der siebten Etappe und anhaltender Rückenbeschwerden erkannte die Niederländerin die Stärke ihrer Rivalin Demi Vollering an, die ihr in Saluzzo mit einer spektakulären Attacke den Gesamtsieg entriss.
Van der Breggen war als Führende der Gesamtwertung in die letzte Etappe gestartet. Ihr Vorsprung betrug 49 Sekunden auf Vollering und 1:24 Minuten auf Antonia Niedermaier. Doch nach einem dramatischen Finale in den Schlussanstiegen musste sie sich am Ende mit Rang drei der Gesamtwertung zufriedengeben. Vollering sicherte sich den Gesamtsieg mit 34 Sekunden Vorsprung auf Niedermaier und komplettierte damit ihre Grand-Tour-Triple-Crown. Für SD Worx - Protime bedeutete dies eine besonders schmerzhafte Wendung, schließlich schrieb ausgerechnet die ehemalige Teamkapitänin Geschichte.

Vollering nutzt das taktische Patt

Die entscheidende Rennsituation entwickelte sich, nachdem sich Antonia Niedermaier, Elisa Longo Borghini und Niamh Fisher-Black an der Spitze abgesetzt hatten. Dahinter gerieten Van der Breggen und Vollering in ein taktisches Duell, bei dem jede Entscheidung weitreichende Konsequenzen hatte.
Anna van der Breggen kämpfte bis zum Schluss um die Maglia Rosa, musste sich auf der letzten Giro-Etappe jedoch der starken Demi Vollering geschlagen geben
Anna van der Breggen kämpfte bis zum Schluss um die Maglia Rosa, musste sich auf der letzten Giro-Etappe jedoch der starken Demi Vollering geschlagen geben
Als Vollering an der Colletta di Brondello attackierte, konnte Van der Breggen dem Antritt nicht mehr folgen. Die Fahrerin von FDJ - SUEZ schloss zur Spitzengruppe auf, sammelte unterwegs wichtige Bonussekunden und fuhr sich in eine virtuelle Gesamtführung, die sie bis ins Ziel nicht mehr abgeben sollte. Den Tagessieg sicherte sich später Longo Borghini.
Für Van der Breggen war das Rennen in dieser Phase kaum noch vollständig kontrollierbar. Neben den körperlichen Belastungen spielten auch die taktischen Zwänge eine entscheidende Rolle.
„Sie griffen an und ich konnte nicht auf alles reagieren“, sagte Van der Breggen nach dem Ziel gegenüber Eurosport. „Ich fühlte mich heute auch etwas weniger gut, daher musste ich ein wenig pokern. Am Ende blieb ich mit Demi übrig. Das ist an sich eine gute Situation, wenn wir zusammenarbeiten, aber Demi war nicht bereit, durchzuziehen. Nur ihre Teamkollegin machte von vorn Tempo.“

Zwischen Angriff und Verteidigung

Besonders die Situation nach Niedermaiers Vorstoß stellte die Trägerin der Maglia Rosa vor ein Dilemma. Einerseits musste sie die Deutsche kontrollieren, andererseits durfte sie Vollering keine zusätzliche Gelegenheit für einen Gegenangriff bieten.
„Wenn ich allein in der Verfolgung arbeite und Demi nicht, gewinne ich den Giro definitiv nicht“, erklärte Van der Breggen. „Dadurch bin ich auch schon etwas müder in den Schlussanstieg gegangen. Sie machte zwar ein paar Ablösungen, aber sie übernahm nicht wirklich. Es ist, wie es ist. Es war nicht genug.“
Als Vollering schließlich an der Colletta di Brondello ihre entscheidende Attacke setzte, fiel die Vorentscheidung im Kampf um die Gesamtwertung. Van der Breggen versuchte zwar zu reagieren, musste jedoch schnell erkennen, dass ihre Landsfrau an diesem Tag die stärkeren Beine hatte.
„Sie hat dann am Schlussanstieg nochmal attackiert“, sagte Van der Breggen. „Ich versuchte zu folgen, aber sie war heute einfach stärker. Ich habe alles gegeben, hatte solch ein Szenario aber auch einkalkuliert. Es ist schade, dass ich das Trikot noch verliere, aber ich habe alles gegeben. Dann ist das das Ergebnis.“

Keine Ausflüchte trotz Sturz und Rückenschmerzen

Die Niederlage erinnerte an die Vuelta Femenina zu Beginn der Saison, als Van der Breggen ebenfalls auf der letzten Etappe die Gesamtführung verlor. Beim Giro schmerzte das Ergebnis besonders, weil sie nach dem Bergzeitfahren auf der vierten Etappe nach Nevegal die Kontrolle über die Rundfahrt übernommen hatte.
Hinzu kam ihr Sturz auf der siebten Etappe, der als offensichtliche Erklärung für ihre Probleme hätte dienen können. Doch genau darauf wollte sich die Niederländerin nicht berufen.
„Nein, das glaube ich nicht“, antwortete sie auf die Frage, ob der Sturz noch Auswirkungen gehabt habe. „Es war einfach auch eine harte Woche und ein harter Tag im Sattel. Ich hatte zwar etwas Rückenweh, aber das ist nicht der Grund, warum ich hier den Giro verliere.“
Diese Haltung zog sich durch ihre gesamte Analyse. Statt Ausreden zu suchen, würdigte Van der Breggen die Leistung ihrer Konkurrentin und blickte gleichzeitig mit Stolz auf ihre eigene Rundfahrt zurück.
„Aber eigentlich bin ich einfach sehr stolz auf meine Leistung“, sagte sie. „Ich hatte nicht erwartet, so weit zu kommen. Wenn wir noch ein bisschen zulegen, ist noch viel möglich. Natürlich bin ich enttäuscht, aber ich bin stolz auf das Team und auf meinen eigenen Kampfgeist.“
Während Vollering mit ihrem Gesamtsieg ihre Sammlung aus Giro d’Italia Women, Tour de France Femmes und Vuelta España Femenina komplettierte, blieb für SD Worx - Protime die Erkenntnis, dass die Maglia Rosa erst auf den letzten Kilometern der Rundfahrt verloren ging. Ausgerechnet die frühere Teamleaderin sorgte dabei für die wohl schmerzhafteste Wendung des gesamten Giro.
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