Tim Wellens beschrieb seinen Triumph bei der Clasica Jaen Paraiso Interior als Ergebnis einer frühen Entscheidung, die mehr Disziplin als Angriffslust verlangte. Lange vor dem üblichen Spannungspunkt des Rennens legte er sich fest - und zog seinen Plan konsequent durch.
Für Wellens zählte am Ende nicht der Vorsprung auf der Ziellinie. Entscheidend war, dass er die Konkurrenz zum Reagieren zwang, während er selbst seine Anstrengung kontrollierte.
„Wir wollten immer jemanden vorne haben“
„Ich denke, die Taktik war klar“, sagte Wellens im Nachrennen-Gespräch mit Cycling Pro Net. „Wir sind mit einer sehr starken Mannschaft hierher gekommen, und die mussten wir nutzen. Wir wollten immer jemanden vorne haben, damit die anderen jagen müssen.“
Wellens bei der Vuelta Murcia 2026
Diese Entscheidung bestimmte seine Fahrweise bis ins Ziel. Sobald er freie Fahrt hatte, ging es nicht mehr darum, den Vorsprung um jeden Preis auszubauen. Stattdessen dosierte Wellens seine Leistung, während sich hinter ihm die Dynamik immer weiter verkomplizierte.
Kräfte einteilen, während andere Streichhölzer verbrannten
Wellens räumte ein, dass das Rennen bei seinem ersten Angriff längst nicht entschieden war und Zurückhaltung bei der noch großen Restdistanz entscheidend blieb. „Ich wusste, es ist sehr weit bis ins Ziel, also konnte ich nicht voll durchziehen“, erklärte er. „Ich war froh, dass er attackierte, so musste er ein bisschen leiden.“
Indem er den Druck hinter sich wachsen ließ, statt auf jede Beschleunigung der Verfolger zu reagieren, blieb Wellens in seinem eigenen Rhythmus. Die Konkurrenz musste wiederholt antreten. Die Verfolgung wurde schrittweise selektiver, mit
Tom Pidcock als konstantester Gefahr - allerdings ohne echte, geschlossene Zusammenarbeit.
Die Lücke schrumpfte, aber nicht abrupt. Für Wellens machte genau das den Unterschied. „Es gab Momente, in denen ich leiden musste“, sagte er. „Aber ich konnte meine Watt treten, und ich hatte ein richtig gutes Gefühl.“
Als die Straße selbst die Kontrolle testete
Der heikelste Moment im Finale kam nicht aus der Verfolgung, sondern vom Kurs selbst. Rund 16 Kilometer vor dem Ziel stand Wellens in einer Kurve kurz davor, alles zu verlieren.
„In meinem Kopf spannte ich die Muskeln schon an, um den Sturz abzufangen, weil ich dachte, ich gehe zu Boden“, sagte er. „Am Ende hatte ich großes Glück, es noch abzufangen, denn wie gesagt, in meinem Kopf lag ich schon am Boden und litt.“
Dieser Zwischenfall zeigte, wie schmal die Margen nach einem so langen Solo geworden waren. Von da an zählte nicht nur die Leistung, sondern ebenso die Konzentration.
Als Wellens schließlich die Linie erreichte, überwog Erleichterung statt Jubel. Der früh gewählte Plan war immer wieder geprüft worden - von der Verfolgung, von der Müdigkeit und von der Straße selbst. Und er hielt stand.