Andreas Leknessunds bislang bestes Ergebnis bei einer
Radsport-WM im Straßenrennen ist der 25. Platz, den er im vergangenen Jahr in Ruanda belegte. Dennoch könnte der 27-jährige Norweger am Sonntag in Montreal zu einem entscheidenden Faktor werden. Denn durch den Ausfall von Titelverteidiger Tadej Pogacar eröffnen sich für offensive Fahrer wie Leknessund möglicherweise völlig neue taktische Möglichkeiten.
Als Leknessund 2023 beim Giro d'Italia überraschend eine Woche lang das Rosa Trikot trug und die Italien-Rundfahrt schließlich auf dem achten Gesamtrang beendete, schien ihm eine Zukunft als Klassementfahrer bei den großen Rundfahrten bevorzustehen. Doch seine Karriere entwickelte sich in eine andere Richtung. Ende desselben Jahres verließ er Team DSM und wechselte zu Uno-X Mobility, wo er sich mit seiner offensiven Fahrweise hervorragend in die Rennphilosophie der norwegischen Mannschaft einfügt.
Leknessund will bei der Radsport-WM seine größte Stärke ausspielen
Genau auf diese Angriffslust setzt Leknessund auch bei der Radsport-WM in Montreal. Statt darauf zu warten, dass die großen Favoriten das Rennen unter sich ausmachen, will der Norweger seine Chancen mit einer vorausschauenden Rennstrategie suchen. „Ausreißergruppen sind wahrscheinlich meine mit Abstand größte Stärke. Darauf sollte ich hier auf jeden Fall setzen“, erklärte er im
Domestique Hotseat Podcast .
Andreas Leknessund will bei der Radsport-WM 2026 in Montreal seine Chance mit einer offensiven Rennstrategie suchen. Der Norweger hofft, dass die Abwesenheit von Titelverteidiger Tadej Pogacar ein taktisch offeneres Straßenrennen ermöglicht.
Mit Pogacar am Start wäre der zu erwartende Rennverlauf aus Leknessunds Sicht deutlich berechenbarer gewesen. Die slowenische Nationalmannschaft hätte das Geschehen kontrolliert, bis ihr Kapitän mit einer seiner gefürchteten Attacken den Kreis der Siegkandidaten auf die stärksten Fahrer reduziert hätte. Frühe Fluchtversuche wären unter diesen Voraussetzungen ein äußerst riskantes Unterfangen gewesen, da Pogacar bei seinen Angriffen selbst bereits enteilte Ausreißer regelmäßig hinter sich lässt.
„Wenn Pogacar dabei ist, lässt sich leicht sagen, dass man trotzdem früh angreifen sollte, um schon vorne zu sein, wenn er kommt. Aber so funktioniert das nicht. Er greift sehr früh an und ist dabei so schnell, dass man selbst aus einer frühen Ausreißergruppe mit völlig leeren Beinen abgehängt wird“, erklärte Leknessund. „Wenn er dabei ist, spielt die Taktik keine so große Rolle mehr. Dann entscheiden die Beine. Hoffentlich erleben wir am Sonntag ein Rennen, in dem die Taktik wieder eine größere Rolle spielt.“
Ohne den slowenischen Superstar rechnen sich nun gleich mehrere Fahrer Chancen auf das Regenbogentrikot aus. Leknessund hofft, dass sich die gegenseitige Beobachtung der Favoriten zu seinem Vorteil entwickeln könnte.
„Mehr als hundert Fahrer werden auf diese Chance lauern“
„Jetzt können wir wahrscheinlich bis zu zehn große Favoriten aufzählen, die alle mehr oder weniger ähnliche Siegchancen haben. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass jemand entkommt, während sich die Favoriten gegenseitig belauern. Frühe Angriffe in der entscheidenden Rennphase könnten bei dieser Austragung weiter kommen als je zuvor“, analysierte der Norweger.
Allerdings weiß Leknessund, dass er mit dieser Überlegung keineswegs allein ist. Gerade weil Pogacars Abwesenheit das Rennen taktisch offener machen könnte, dürften zahlreiche Fahrer versuchen, die gleiche Gelegenheit zu nutzen. „Wahrscheinlich werden mehr als hundert Fahrer genau auf diese Chance warten. Und das macht es wirklich schwierig“, räumte er ein.
Enttäuschendes Zeitfahren abgehakt: Leknessund setzt auf das Straßenrennen
Während Leknessund die kanadischen WorldTour-Klassiker vor zwei Wochen aufgrund seiner Teilnahme an der Vuelta a Espana verpasst hatte, konnte er sich inzwischen bereits bei zwei Wettbewerben der Radsport-WM mit den Bedingungen vor Ort vertraut machen. Am vergangenen Sonntag ging er zunächst im Einzelzeitfahren an den Start, ehe er zwei Tage später mit der norwegischen Nationalmannschaft in der Mixed-Staffel den siebten Platz belegte.
Insbesondere sein Abschneiden im Einzelzeitfahren entsprach allerdings nicht seinen Erwartungen. Nachdem Leknessund bei der Radsport-WM 2025 in Kigali noch den sechsten Platz erreicht hatte, musste er sich diesmal mit Rang 32 begnügen. An seiner körperlichen Verfassung für das Straßenrennen zweifelt der 27-Jährige dennoch nicht. Vielmehr stimmen ihn seine jüngsten Eindrücke zuversichtlich, dass er am Sonntag eine deutlich bessere Leistung zeigen kann.
„Meine Form hat sich überraschend gut angefühlt. Nur das Ergebnis war nicht so, wie ich es mir erhofft hatte“, erklärte Leknessund. „Was meine Form und mein Gefühl für das Straßenrennen angeht, bin ich optimistisch. Natürlich gehöre ich nicht zu den Favoriten. Aber wenn ich es früh in eine Ausreißergruppe schaffe oder in der entscheidenden Rennphase eine frühe Attacke setze, könnte das für mich richtig gut ausgehen.“