Der niederländische Frauenradsport verfügt über eine außergewöhnliche Dichte an Weltklassefahrerinnen – doch genau diese Stärke wurde der Topnation bei großen Meisterschaften immer wieder zum Verhängnis. Besonders prägend bleibt das enttäuschende Straßenrennen bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio. Auch bei den beiden jüngsten Austragungen der Straßen-Weltmeisterschaft verpassten die Niederländerinnen das Podium, der bislang letzte WM-Titel gelang 2022 durch Annemiek van Vleuten.
Eines der wiederkehrenden Probleme: Zu viele Individualistinnen waren nicht bereit, ihre eigenen Ambitionen vollständig einer Teamkollegin unterzuordnen. Daraus entstanden widersprüchliche taktische Entscheidungen und schwer kontrollierbare Rennsituationen. Ein Beispiel lieferte die Straßen-Weltmeisterschaft 2024 in Zürich, als Demi Vollering wiederholt attackierte und dabei mit
Marianne Vos eine der stärksten Sprinterinnen der Gruppe zurückließ.
Klare Hierarchie statt maximaler Starbesetzung
2026 will Nationaltrainer
Laurens ten Dam möglichst viele Fehler der Vergangenheit vermeiden – selbst wenn er dafür bewusst auf einen Teil der enormen niederländischen individuellen Klasse verzichtet. Die Konsequenz ist bemerkenswert: Weder Marianne Vos noch
Anna van der Breggen oder
Lorena Wiebes werden bei der
Weltmeisterschaft in Kanada an den Start gehen.
Demi Vollering reist als klare Kapitänin der Niederlande zur Weltmeisterschaft nach Montreal – Nationaltrainer Laurens ten Dam ordnet das Team konsequent ihren Titelambitionen unter.
Stattdessen besteht das niederländische Aufgebot aus Demi Vollering, Mischa Bredewold, Riejanne Markus, Lieke Nooijen, Puck Pieterse, Karlijn Swinkels und Femke de Vries. An der Hierarchie innerhalb der Mannschaft lässt Ten Dam keinen Zweifel: Vollering reist als klare Kapitänin nach Montreal. Dennoch könnte insbesondere Pieterse tief im Finale eine entscheidende Rolle übernehmen.
„Demi ist unsere Kapitänin, aber bei einer Weltmeisterschaft braucht man einander, um weit zu kommen. Entscheidend ist, all diese individuellen Qualitäten als Team zu bündeln. Wenn wir die Chancen in den Schlüsselmomenten nutzen, können wir dieser WM mit Zuversicht entgegensehen“, erklärte Ten Dam gegenüber
AD.
Auf den ersten Blick erscheint die Auswahl wie ein deutlicher Verlust an individueller Qualität gegenüber einer maximal mit Stars besetzten Oranje-Mannschaft. Bei genauerer Betrachtung gibt es jedoch nachvollziehbare Gründe dafür, gleich mehrere große Namen zu Hause zu lassen.
Bei Van der Breggen liegt die Erklärung besonders nahe. Die diesjährige Zweite der Vuelta und Dritte des Giro kam nach dem bitteren Finale der Italien-Rundfahrt mental angeschlagen zur Tour de France und fand dort nicht zu ihrer Bestform. Noch bevor das Rennen die Berge erreichte, stieg sie aus. Seitdem erhielt Ten Dam keine ausreichend überzeugenden Signale, die für eine Nominierung gesprochen hätten.
„Anna fühlte sich angeschlagen. Ich hätte sie gerne dabeigehabt, aber seit der Tour de France war sie ein paar Mal krank“, erklärte Ten Dam. Auch über Wiebes sagte er: „Lorena wird noch bei einer Meisterschaft starten, aber nicht bei dieser. Sie ist in so guter Form, dass ich sogar scherzte, ich wolle sie vielleicht doch mitnehmen.“
Wiebes soll vor dem nächsten großen Ziel geschont werden
Bei Lorena Wiebes ist der Verzicht auf die hügelige Weltmeisterschaft in Montreal ebenfalls nachvollziehbar. Die derzeit weltbeste Sprinterin kommt zwar durchaus über Anstiege, hat mit der Bahn-Weltmeisterschaft in Shanghai jedoch bereits ein anderes großes Ziel im Blick.
„Dieser Kurs passt nicht wirklich zu ihr, und sie startet auch bei den Bahn-Weltmeisterschaften in Shanghai“, erklärte Ten Dam. „Sie ständig um die Welt zu schleppen, nur weil sie so viel wegsteckt, ist keine gute Idee. Irgendwann könnte sie ausbrennen, auch wenn es derzeit nicht so aussieht.“
Mit Marianne Vos fehlt schließlich auch die dreimalige Straßen-Weltmeisterin von 2006, 2012 und 2013. Die Grande Dame des Frauenpelotons musste zu Beginn der Saison einen familiären Schicksalsschlag verkraften. Ten Dam möchte seiner erfahrenen Fahrerin deshalb die notwendige Ruhe geben und hofft darauf, Vos 2027 wieder in Bestform zu erleben.
Ganz freiwillig verzichtet Vos allerdings nicht auf Montreal. „Sie war enttäuscht“, räumte Ten Dam ein und machte deutlich, dass die 39-Jährige durchaus motiviert gewesen wäre, bei der Weltmeisterschaft anzutreten. Für den Nationaltrainer überwogen jedoch die Gründe, ihr die zusätzliche Belastung zu ersparen.
„Aber aufgrund der persönlichen Umstände – der Situation mit ihrem Vater – hatte sie einen so harten Winter, dass ihr die Konstanz fehlte. Ich habe gemerkt, dass sie sich bergauf ab und zu schwertat. Sie ist eine Topfahrerin, aber selbst Topfahrerinnen spüren die Folgen, wenn sie den ganzen Winter andere Dinge im Kopf hatten“, erklärte Ten Dam abschließend.