„Es ist kein Fahrer. Es ist Langeweile“: Lance Armstrong erklärt Tadej Pogacars einzigen möglichen Gegner

Radsport
durch Nic Gayer
Freitag, 10 Juli 2026 um 12:00
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Die sechste Etappe der Tour de France 2026 bot eine der spektakulärsten Vorstellungen der jüngeren Radsportgeschichte. Tadej Pogacar attackierte bereits mehr als 40 Kilometer vor dem Ziel am Col du Tourmalet, ließ sämtliche Konkurrenten hinter sich und eroberte das Gelbe Trikot mit einer Solofahrt zurück. In der neuesten Ausgabe des Podcasts The Move sorgte diese Machtdemonstration für einhellige Bewunderung.
Lance Armstrong, George Hincapie, Bradley Wiggins und Spencer Martin waren sich in ihrer Analyse einig: Der Slowene bewegt sich derzeit auf einem Niveau, das in der modernen Radsport-Ära seinesgleichen sucht.

Armstrong stellt Pogacars Dominanz auf eine Stufe mit den größten Sportlern der Geschichte

„Gab es jemals eine derartige Dominanz in irgendeinem Sport?“, fragte Armstrong gleich zu Beginn der Sendung. Für den US-Amerikaner reicht das, was Pogacar in den Pyrenäen zeigte, weit über den Radsport hinaus und rechtfertigt Vergleiche mit den größten Dominatoren der Sportgeschichte.
Einer der zentralen Diskussionspunkte entstand, als Spencer Martin hinterfragte, warum Pogacar bereits so weit vor dem Ziel attackierte, obwohl ihm zu diesem Zeitpunkt noch mehrere Teamkollegen zur Seite standen.

„Das ist eine völlig neue Art des Radsports“

Für Bradley Wiggins gibt es keinen historischen Vergleich. „Das ist eine völlig neue Art des Radsports“, sagte der Brite. „Ich erinnere mich an keinen Toursieger, der so etwas getan hat – 40 Kilometer vor dem Ziel anzugreifen, obwohl er problemlos bis zum Schlussanstieg hätte warten können.“
Auch Armstrong teilte diese Einschätzung. Er erinnerte daran, dass selbst die größten Dominatoren früherer Generationen deutlich konservativer gefahren seien, während Pogacar offenbar keinerlei Gedanken daran verschwende, seine Kräfte einzuteilen.
„Wenn die Beine da sind, nimm dir alle Zeit, die du kriegen kannst. Den Rest regelst du später“, fasste der Texaner zusammen und verteidigte die offensive Fahrweise des Weltmeisters.

Isaac del Toro überzeugt erneut als Edelhelfer

Neben Pogacars Gala-Auftritt erhielt auch Isaac del Toro viel Lob. Spencer Martin hob insbesondere die Arbeit des Mexikaners am Col du Tourmalet hervor, wo er das Tempo für UAE Team Emirates - XRG bestimmte, bevor sein Kapitän die entscheidende Attacke setzte.
„Er machte das Tempo, ließ Vingegaard sofort abreißen und deutete dann Pogacar an, so nach dem Motto: ‚Weiter komme ich nicht‘“, erklärte Martin.
Isaac del Toro während der 6. Etappe der Tour de France 2026.
Isaac del Toro überzeugte als wichtiger Helfer von UAE Team Emirates - XRG und untermauerte mit seiner Leistung zugleich seine eigenen Podiumsambitionen.
Besonders beeindruckte die Expertenrunde, dass Del Toro nach diesem Kraftakt keineswegs einbrach.
Stattdessen behauptete sich der Profi von UAE Team Emirates - XRG weiterhin in der Gruppe der Podiumsanwärter und verfügte im Finale sogar noch über genügend Reserven, um den Sprint um Rang drei für sich zu entscheiden. „Er wirkte im Ziel sehr frisch“, bemerkte Martin.
Armstrong ergänzte, dass Del Toro nach der Passhöhe des Tourmalet ideale Bedingungen vorgefunden habe.
„Für einen Fahrer mit seinen Abfahrtsqualitäten war die Abfahrt quasi Erholung. Und im Tal musste er keine einzige Führung übernehmen.“

Armstrong sieht Paul Seixas vor einer neuen Herausforderung

Del Toros Entwicklung veranlasste Armstrong zu einem Vergleich mit einem weiteren Supertalent des Pelotons: Paul Seixas. Zwar lobte der Amerikaner den erst 19 Jahre alten Franzosen ausdrücklich für dessen starke Vorstellung in den Bergen, dennoch sieht er ihn nun mit einer neuen Realität konfrontiert.
„Paul Seixas hat ein Problem. Und sein Name ist Isaac del Toro“, stellte Armstrong fest.
Er betonte, dass Seixas' Leistung herausragend gewesen sei. Gleichzeitig sorge der rasante Aufstieg des Mexikaners dafür, dass die Messlatte innerhalb der neuen Fahrergeneration noch einmal deutlich höher liege.
„Er schaut auf Del Toro und denkt sich: Wenn Pogacar weg ist, muss ich mich mit ihm auseinandersetzen.“

Wiggins macht sich Sorgen um Jonas Vingegaard

Ein weiteres Thema der Runde war die psychologische Verfassung von Jonas Vingegaard und Remco Evenepoel nach ihrem deutlichen Zeitverlust auf Pogacar. Für Bradley Wiggins fiel die Antwort eindeutig aus.
„Jonas, hundert Prozent“, sagte der Brite auf die Frage, welcher Fahrer stärker demoralisiert wirke.
Jonas Vingegaard in Aktion.
Jonas Vingegaard konnte Tadej Pogacar zunächst folgen, musste am Tourmalet jedoch abreißen lassen und verlor im Kampf um das Gelbe Trikot wertvolle Zeit.
Evenepoel könne nach seinem Teamwechsel und angesichts der internen Konkurrenz durch Florian Lipowitz ein Podium weiterhin als Erfolg werten. Bei Vingegaard hingegen bereite ihm die Situation deutlich größere Sorgen.
„Ich sah einen gebrochenen Mann“, erklärte Wiggins. Er brachte sogar eine These ins Spiel, die die übrigen Teilnehmer überraschte: „Ich habe das Gefühl, er wird diese Tour nicht zu Ende fahren.“
Der Brite betonte zwar, dass es sich dabei lediglich um seinen persönlichen Eindruck handle. Aus seiner Sicht unterscheide sich die Körpersprache des Kapitäns von Visma - Lease a Bike jedoch deutlich von den vergangenen Jahren, als Vingegaard trotz Rückständen stets überzeugt gewesen sei, Pogacar noch schlagen zu können.

Armstrong sieht nur einen einzigen Gegner für Pogacar

Die wohl markanteste Aussage der gesamten Podcast-Folge fiel im weiteren Verlauf der Diskussion. Armstrong erklärte, nach dieser Demonstration glaube er nicht mehr daran, dass irgendein Fahrer Pogacar derzeit sportlich gefährden könne.
Nach seiner Einschätzung existiert nur ein möglicher Gegner.
„Es ist kein Fahrer. Es ist kein Team. Es ist kein Sturz. Es ist Langeweile.“
Armstrong erklärte, dieses Gefühl aus seiner eigenen Zeit als dominanter Tour-de-France-Sieger zu kennen.
„Irgendwann wird das zum Job. Du bist zum Siegen verpflichtet und nichts überrascht dich mehr.“
Der Amerikaner räumte sogar ein, dass er beim Interview Pogacars nach der Etappe so etwas wie Mitgefühl verspürt habe.
„Er wirkte wie ein völlig distanzierter Fahrer. Und das sage ich mit viel Mitgefühl.“

Wiggins: Klassiker sind Pogacars größte Leidenschaft

Bradley Wiggins konnte dieser Einschätzung zumindest teilweise folgen. Seiner Ansicht nach verändert sich Pogacars Auftreten je nach Rennformat deutlich.
„Ich habe den Eindruck, dass Rundfahrten sein Job sind und die Klassiker seine Leidenschaft.“
Tadej Pogacar jubelt.
Tadej Pogacar setzte am Col du Tourmalet zu seiner entscheidenden Attacke an und dominierte die Konkurrenz mit einem Solo über mehr als 40 Kilometer.
Als Beispiel verwies der Brite auf Rennen wie Strade Bianche oder Paris–Roubaix.
„Dort sieht man eine andere Seite. Da wirkt er wirklich begeistert.“

Auch Mads Pedersen beeindruckt die Experten

Neben den Ereignissen im Gesamtklassement würdigten die Analysten auch den Auftritt von Mads Pedersen. Der Däne sammelte erneut wertvolle Punkte im Kampf um das Grüne Trikot, nachdem er sich bereits vor den großen Anstiegen in die Spitzengruppe des Tages abgesetzt hatte.
Wiggins sprach von einer „Machtdemonstration“ und hob hervor, dass der Kapitän von Lidl–Trek jede sich bietende Gelegenheit nutze, um seinen Vorsprung in der Punktewertung weiter auszubauen.
Armstrong bemerkte sogar, Pedersens Vorsprung im Kampf um das Grüne Trikot beginne inzwischen an Pogacars Dominanz im Gesamtklassement zu erinnern. Allerdings räumte er zugleich ein, dass ausgerechnet der Slowene der Einzige sei, der dem Dänen diese Wertung noch streitig machen könne.

Armstrong erklärt die Tour noch nicht für entschieden

Trotz Pogacars beeindruckender Überlegenheit wollte Armstrong die Tour de France noch nicht für entschieden erklären. Er verwies darauf, dass noch mehr als zwei Rennwochen bevorstehen und sich eine Grand Tour jederzeit grundlegend verändern könne.
Gleichzeitig stellte er klar, in seiner gesamten Karriere noch nie einen Angriff wie jenen auf der sechsten Etappe erlebt zu haben. Aus seiner Sicht gewann Pogacar nicht nur wertvolle Zeit, sondern setzte auch ein verheerendes psychologisches Zeichen an sämtliche Rivalen.
Während Jonas Vingegaard mehrere Minuten einbüßte und Isaac del Toro seine Ambitionen auf einen Podestplatz eindrucksvoll untermauerte, zeigte der Weltmeister einmal mehr, dass er derzeit in einer eigenen Liga fährt.
So bleibt nach der Analyse von The Move vor allem eine Frage offen: Nicht mehr, wer Tadej Pogacar schlagen kann – sondern wie lange er eine Dominanz aufrechterhalten wird, die nach Ansicht Armstrongs nur von einer einzigen Sache gefährdet werden könnte: fehlender Motivation, immer weiter zu gewinnen.
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