„Die Note ist ein Durchgefallen“: Movistar-Boss spricht Klartext über Enric Mas beim Giro d’Italia

Radsport
durch Nic Gayer
Sonntag, 24 Mai 2026 um 11:30
TadejPogacar_JonasVingegaard (4)
Die erste Hälfte des Giro d’Italia ist für das Movistar Team nicht nach Wunsch verlaufen. Vor allem Enric Mas, der nach acht Monaten Rennpause zurückgekehrt ist, blieb bislang deutlich hinter den Erwartungen zurück. Dennoch bewahrt Eusebio Unzué die Ruhe. Der Manager der spanischen Equipe zog im Gespräch mit AS eine bittersüße Zwischenbilanz, betonte aber zugleich, dass Mas noch Zeit brauche, um wieder Rhythmus zu finden.
Nach der 14. Etappe sprach Unzué offen über die Lage seines Teams, die Form seines Kapitäns, die Zukunft von Talenten wie Cian Uijtdebroeks und Iván Romeo sowie über die Entwicklung des modernen Radsports. Für Movistar geht es in der zweiten Giro-Hälfte nun vor allem darum, die Rundfahrt doch noch mit einem Etappensieg zu retten.

Geduld mit Enric Mas: „Er ist nicht da, wo er gerne wäre“

Unzué räumte ein, dass das bisherige Leistungsniveau von Enric Mas die größte Enttäuschung dieses Giro sei. Nach der langen Pause sei allerdings schwer einzuschätzen gewesen, wie der Spanier im Peloton reagieren würde. „Leider ist er weit von dem entfernt, was wir anfangs dachten. Es war eine echte Unbekannte, weil wir nicht wussten, wie er nach acht Monaten ohne Rennen reagieren würde.“
Enric Mas blieb beim Giro d’Italia bislang hinter den Erwartungen zurück – doch Movistar hält weiter an seinem Kapitän fest
Enric Mas blieb beim Giro d’Italia bislang hinter den Erwartungen zurück – doch Movistar hält weiter an seinem Kapitän fest
Im Training hätten die Signale zwar positiv ausgesehen, doch die Anforderungen im Rennen zeichneten ein anderes Bild. „Im Training war klar, dass es kein Problem gab, aber wir wussten auch nicht, ob er an den Schlüsseltagen mithalten würde. Am Blockhaus war offensichtlich, dass er nicht da war, wo er gerne gewesen wäre.“
Von einem endgültigen Scheitern will Unzué dennoch nicht sprechen. Stattdessen fordert er Geduld mit seinem Kapitän. „Es ist ein Appell zur Geduld. Er muss weiter Rennen fahren, Wettkampftage sammeln, und ich hoffe, dass er dadurch sein Niveau hebt und zu seinem üblichen Standard zurückkehrt.“

Gesamtwertung abgehakt: Movistar jagt jetzt den Etappensieg

Nach mehr als zehn Minuten Zeitverlust in den ersten Bergetappen hat Movistar akzeptiert, dass die Gesamtwertung für Mas keine realistische Option mehr ist. „Es ist klar, dass wir mit ihm nicht an die Gesamtwertung denken können.“
Damit verschiebt sich der Fokus der Mannschaft vollständig. „Das Teamziel reduziert sich fast ausschließlich darauf, eine Etappe zu gewinnen.“
Unzué sieht die Arbeit seiner Fahrer grundsätzlich positiv, auch wenn das ersehnte Ergebnis bislang ausgeblieben ist. „Wir waren dem Sieg sehr nahe und haben fast jeden Tag gekämpft, aber die verdiente Belohnung fehlt noch.“

Enric Mas und die Podiumsambitionen: „Die Note ist ein Durchgefallen“

Vor dem Giro hatte Mas angekündigt, um das Podium kämpfen zu wollen. Angesichts seiner aktuellen Verfassung wirkt diese Zielsetzung inzwischen weit entfernt.
Unzué zeigt Verständnis für die damalige Einschätzung seines Fahrers, macht aber keinen Hehl daraus, wie hart die Realität im Rennen ausgefallen ist. „Er hatte Gründe, das zu denken. Im Training lief es sehr gut, es gab dafür Anhaltspunkte.“
Entscheidend sei am Ende jedoch nicht das Training, sondern der Wettkampf. „Die Tests muss man im Wettkampf ablegen, dort, wo es wirklich zählt, und in diesem Fall ist die Note, folgerichtig, ein Durchgefallen.“

Vertrauen in Cian Uijtdebroeks – aber ohne Tour-Druck

Mit Blick auf die Tour de France sprach Unzué auch über Cian Uijtdebroeks, eine der großen Hoffnungen des Teams. Nach überstandenen körperlichen Problemen soll der Belgier beim Dauphiné zurückkehren. „Er fühlt sich sehr gut, ist vom Sturz erholt. Beim Dauphiné werden wir ihn, denke ich, bei den Besten sehen.“
Cian Uijtdebroeks im Movistar-Trikot 2026
Cian Uijtdebroeks im Movistar-Trikot 2026
Gleichzeitig bremst Unzué überzogene Erwartungen an Uijtdebroeks’ Debüt als Kapitän bei der Grande Boucle. „Wir denken nicht ans Tour-Podium oder Ähnliches. Er soll Gewohnheiten und die Fähigkeit entwickeln, ein Team zu führen.“
Im Vordergrund steht für Movistar die Entwicklung. „Es wird sicher eine sehr wichtige Erfahrung für seine Zukunft.“

Iván Romeo als Baustein der Zukunft

Ein weiterer zentraler Name in den Zukunftsplänen des Teams ist Iván Romeo. Der Spanier hat kürzlich bis 2030 verlängert und gilt als strategisch wichtiger Fahrer für die kommenden Jahre. „Er ist ein Fahrer für die Zukunft und ein wichtiges Puzzlestück, weil wir seiner Entwicklung sehr vertrauen.“
Unzué lobt Romeos Qualität, mahnt aber zugleich zur Geduld, bevor man ihm noch größere Verantwortung überträgt. „Er hat die Qualität, sich in dem, was er bereits gut macht, weiter zu verbessern.“
Ob Romeo eines Tages auch in Gesamtwertungen eine Rolle spielen kann, lässt Unzué offen. „Wir wollen seiner Entwicklung keine Grenzen setzen, aber mit seiner Größe und seinem Gewicht ist es in Grand Tours mit schweren Kletteretappen schwierig, gegen Fahrer zu bestehen, die acht oder zehn Kilo weniger haben.“

Unzué über den modernen Radsport: schneller, präziser, härter

Zum Abschluss sprach Unzué über die tiefgreifenden Veränderungen im modernen Radsport. Fahrer, die vor einigen Jahren mit bestimmten Leistungswerten Rennen gewinnen konnten, hätten es heute deutlich schwerer, mit der Spitze mitzuhalten. „Alles, was der Radsport gewonnen hat, liegt an den heute verfügbaren Tools in Training und Ernährung.“
Technologie und Professionalisierung hätten das durchschnittliche Leistungsniveau massiv angehoben. „Jeder ist in der Lage, 20 oder 30 Prozent besser zu performen als vor acht oder zehn Jahren.“
Das zeige sich unmittelbar in der Geschwindigkeit des Pelotons. „Eine Grand Tour mit 40 km/h im Schnitt zu fahren, war früher extrem hart; heute liegen sie über 43. Roubaix wurde mit fast 48 oder 49 km/h gefahren. Das war undenkbar.“
Trotz der schwierigen Situation von Mas bei diesem Giro hat Unzué den Glauben nicht verloren. Er setzt auf eine stetige Steigerung seines Kapitäns und darauf, dass Movistar aus dieser Rundfahrt noch etwas Zählbares mitnimmt. Seine Botschaft ist klar: Heute braucht es Geduld, damit morgen wieder Konkurrenzfähigkeit möglich ist.
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