„Der Radsport hat mich an meine Grenzen gebracht“ – Teamkollege von Tom Pidcock beendet seine Karriere

Radsport
durch Nic Gayer
matteobadilatti
Matteo Badilatti zieht einen Schlussstrich unter seine Laufbahn als Radprofi. Der Schweizer, der beim Pinarello Q36.5 Pro Cycling Team an der Seite von Tom Pidcock fuhr, hat im Alter von 34 Jahren seinen Rücktritt bekannt gegeben. Damit endet für den Kletterspezialisten eine mehr als achtjährige Karriere im internationalen Peloton.
Die vergangenen vier Saisons verbrachte Badilatti bei Q36.5, die letzten beiden davon gemeinsam mit Pidcock. Zuvor hatte er bereits auf WorldTour-Niveau für Israel Start-Up Nation und Groupama-FDJ Rennen bestritten. Zu den Höhepunkten seiner Laufbahn zählen unter anderem seine Teilnahmen am Giro d'Italia und an der Vuelta a Espana. Seine letzten Einsätze als Profi absolvierte der Schweizer bei den italienischen Herbstklassikern.

Matteo Badilatti verabschiedet sich nach schwierigen Jahren vom Profiradsport

Am Freitag machte Badilatti seine Entscheidung mit einer ausführlichen und emotionalen Abschiedsbotschaft öffentlich. Nach zwei sportlich schwierigen Saisons blickte der 34-Jährige darin auf die Erfahrungen zurück, die ihn während seiner Karriere geprägt haben.
„Der Radsport hat mich weit gebracht. Ich durfte neue Orte entdecken, Menschen kennenlernen und Welten erleben, denen ich sonst nie begegnet wäre“, schrieb Badilatti. „Er hat mich auf die Probe gestellt und mich gelehrt, meinen Grenzen, der Müdigkeit, Niederlagen und Erwartungen entgegenzutreten – und vor allem mir selbst.“

Von der WorldTour zum Team von Tom Pidcock

Badilattis Weg in den professionellen Radsport verlief keineswegs geradlinig. Der Schweizer schaffte den Sprung ins Profipeloton vergleichsweise spät, nachdem er sich zunächst beim Team Vorarlberg auf kontinentaler Ebene etabliert hatte. Anschließend wechselte er zur Israel Cycling Academy und blieb der Mannschaft auch nach ihrem Aufstieg in die WorldTour erhalten. Für die Saisons 2021 und 2022 schloss er sich schließlich dem französischen Team Groupama-FDJ an.
Während dieser Zeit sammelte Badilatti auch Erfahrungen bei den dreiwöchigen Landesrundfahrten. Sowohl die Vuelta a Espana 2020 als auch den Giro d'Italia 2021 brachte er erfolgreich zu Ende. Zur Saison 2023 wechselte er dann zum neu gegründeten Q36.5-Projekt und gehörte damit zu den Fahrern der ersten Stunde.
Der Wechsel erwies sich zunächst auch sportlich als Erfolg. Bei der Tour du Rwanda 2023 feierte Badilatti auf der sechsten Etappe den ersten und einzigen Profisieg seiner Karriere. Im weiteren Saisonverlauf unterstrich er seine Qualitäten als Rundfahrer mit dem fünften Gesamtrang bei der Tour of Türkiye. Auch 2024 wusste der Schweizer auf höchstem Niveau zu überzeugen und beendete die Tour de Suisse auf einem respektablen 15. Gesamtrang.
Mit der sportlichen Weiterentwicklung von Q36.5 veränderte sich allerdings auch Badilattis Rolle innerhalb der Mannschaft. Statt ausschließlich eigene Ergebnisse anzustreben, stellte er seine Erfahrung und seine Fähigkeiten am Berg zunehmend in den Dienst seiner Teamkollegen. Die Verpflichtung von Tom Pidcock zur Saison 2025 verlieh dem Schweizer ProTeam zusätzliche sportliche Qualität und deutlich größere Ambitionen. Badilatti blieb auch während der ersten beiden Jahre des Briten ein fester Bestandteil des Aufgebots.
Noch Anfang dieses Monats standen beide Fahrer gemeinsam bei der Coppa Agostoni am Start. Während Pidcock das Rennen auf dem 18. Platz beendete, erreichte Badilatti das Ziel nicht. Einen Tag später bestritt der Schweizer mit der Coppa Bernocchi jenes Rennen, das sich nun als letzter Einsatz seiner Profikarriere herausgestellt hat.
In seiner Abschiedsbotschaft blickte Badilatti auch auf seinen ungewöhnlichen Karriereweg zurück, der ihn trotz seines vergleichsweise späten Einstiegs bis in die WorldTour und zu den großen Landesrundfahrten geführt hatte. Der Radsport habe ihm sowohl „Siege und Enttäuschungen“ als auch unzählige Erfahrungen beschert, die ihn weit über das Ende seiner aktiven Laufbahn hinaus begleiten würden.
„Hinter jedem Ergebnis steckt viel mehr als eine Zahl oder ein Platz in der Rangliste“, schrieb der Schweizer. Dahinter verbergen sich seiner Ansicht nach „schwierige Tage, Entbehrungen, Zweifel, Stürze, Neuanfänge“ und immer wieder die bewusste Entscheidung, trotz aller Rückschläge weiterzumachen.

Rätselhafter Formverlust und körperliche Probleme erschwerten die letzten Saisons

Gerade die Schlussphase seiner Karriere stellte Badilatti noch einmal vor erhebliche Herausforderungen. Im Jahr 2025 kämpfte der Kletterspezialist mit einem unerklärlichen Leistungsabfall. Besonders frustrierend war für ihn, dass seine Trainingsdaten eigentlich auf eine deutlich bessere körperliche Verfassung schließen ließen, als er sie im Wettkampf abrufen konnte.
Erst umfangreiche Untersuchungen brachten schließlich eine mögliche Erklärung ans Licht: Seine Sitzposition auf dem Rad erwies sich als Ursache der Schwierigkeiten. Im Mai schilderte Badilatti gegenüber dem Schweizer Sender RTR, dass er durch die fehlerhafte Position die falschen Muskelgruppen beansprucht habe. Insbesondere bei steigender Belastung sei es ihm dadurch nicht gelungen, sein eigentliches körperliches Potenzial vollständig auszuschöpfen.
Doch selbst nachdem die Ursache erkannt und die Sitzposition korrigiert worden war, stellte sich die erhoffte Leistungssteigerung nicht unmittelbar ein. Badilatti erklärte, dass er über Jahre verinnerlichte Bewegungsabläufe zunächst wieder verlernen und seinen Körper an eine neue Belastungssteuerung gewöhnen müsse. Als auch das Frühjahr 2026 von Schwierigkeiten geprägt war, entschied er sich deshalb, seine bisherige Herangehensweise zu überdenken und den körperlichen Anpassungsprozess stärker in den Mittelpunkt zu stellen.
Im weiteren Verlauf der Saison gelang dem Schweizer zwar die Rückkehr ins Renngeschehen, an seine früheren Leistungen konnte er jedoch nicht mehr anknüpfen. Von jener Form, die ihn zwei Jahre zuvor auf den 15. Gesamtrang der Tour de Suisse getragen hatte, blieb er ein gutes Stück entfernt. So endete seine letzte Saison, ohne dass ihm die erhoffte Rückkehr zu alter Stärke gelang. Am Freitag machte er schließlich seinen Entschluss öffentlich, die Profikarriere zu beenden.
In seiner Abschiedsbotschaft richtete Badilatti einen besonderen Dank an all jene Menschen, die ihn während seiner Laufbahn begleitet und unterstützt hatten. Dazu zählten seine Familie und Freunde ebenso wie seine Teamkollegen, die Mannschaftsführung, die Betreuer und die Sponsoren. Sie alle hätten ihm sowohl in erfolgreichen als auch in schwierigen Phasen zur Seite gestanden. „Ohne euch wäre all das nicht möglich gewesen – und vor allem wäre es nicht dasselbe gewesen“, schrieb der 34-Jährige.
Wie es für Badilatti nach dem Abschied aus dem professionellen Radsport weitergeht, ließ er zunächst offen. Seinen Rücktritt betrachtet der Schweizer jedoch nicht ausschließlich als Ende eines Lebensabschnitts, sondern zugleich als Beginn eines neuen Abenteuers. Mit seinem Karriereende schließt sich auch das Kapitel seiner vierjährigen Zugehörigkeit zu Q36.5. Badilatti war seit der Gründung des Projekts im Jahr 2023 Teil der Mannschaft und hat deren Entwicklung von Beginn an begleitet.
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