Primoz Roglic steht nach seiner Fahrt auf der 2. Etappe der
Tour de Romandie in der Kritik, nachdem er gegenüber seinen Gesamtklassement-Rivalen über zwei Minuten einbüßte – für viele eine taktisch rätselhafte Vorstellung.
Die Reaktion kam von Eurosport.dk-Kommentatoren Thomas Bay und Anders Lund während der Live-Übertragung. Roglic, der als Gesamtsiebter mit nur 32 Sekunden Rückstand auf Tadej Pogacar gestartet war, rollte gemeinsam mit Teamkollege Adrien Boichis locker über die Ziellinie – trotz des deutlichen Zeitverlusts.
„Er fährt in seiner eigenen Welt“
„Das ist Roglic, der sein Gesamtklassement wegwirft und einfach ausrollt, sogar mit einem Lächeln. Da werden bei Red Bull sicher einige in der Führungsetage zeitweise müde von Primoz Roglic“, sagte Bay bei Eurosport.
Die Kritik richtete sich nicht nur an der verlorenen Zeit, sondern an den Folgen für die Teamziele im Rennen. „Taktisch völlig idiotisch im Hinblick darauf,
Florian Lipowitz und die Mannschaft zu unterstützen. Völlig unnötig. Wieder eine merkwürdige Episode in einer inzwischen langen Reihe seltsamer Entscheidungen, vor allem von Roglic“, ergänzte Lund.
Bay stellte zudem Roglics Rennansatz infrage. „Es ist, als würde er in seiner eigenen Welt fahren. Ich weiß, er hat am Anstieg etwas gearbeitet, aber trotzdem.“
Zeitverlust auf einer kontrollierbaren Etappe
Der Kontext verschärfte die Reaktion. Die 2. Etappe war nicht besonders selektiv: 31 Fahrer kamen in derselben Zeit wie Etappensieger Tadej Pogacar ins Ziel. Umso auffälliger Roglics Rückstand von über zwei Minuten.
Nachdem er am Anstieg von Vuillens kurz aufs Tempo drückte, fiel Roglic zurück und verzichtete schließlich darauf, das Finale mitzufahren. Er rollte deutlich verlangsamt ins Ziel. Diese Entscheidung nahm ihn effektiv aus dem Kampf um das Gesamtklassement, obwohl er den Tag mit geringem Rückstand auf die Spitze begonnen hatte.
Primoz Roglic bei der Tour de Romandie
Muster „seltsamer“ Entscheidungen
Die Kritik verwies auch auf ein größeres Muster. „Das begann bei der letztjährigen Tour de France, als Lipowitz um das Podium kämpfte“, sagte Bay. „Roglic fuhr in den Schlussetappen, insbesondere auf der letzten Bergetappe, das, was ich ‘Harakiri-Racing’ nennen würde. Er fuhr sein eigenes Rennen, statt bei Lipowitz zu bleiben und zu helfen. Er warf sogar seinen eigenen fünften Platz weg.“
Die Parallelen zur Romandie lagen für sie auf der Hand. „Heute wirft er sein GC wieder weg. Er fährt nach vorn und macht das, was Pogacar einen Angriff am Anstieg nannte, und rollt dann lächelnd ins Ziel.“
Verpasste taktische Chance
Für das Team hat die Situation weitreichendere Folgen. Mit sowohl Roglic als auch Florian Lipowitz gut platziert vor der Etappe verfügte Red Bull - BORA - hansgrohe über einen numerischen Vorteil gegenüber Pogacar, der sich taktisch hätte besser ausspielen lassen. „Ihre Chance in der Romandie war ihre numerische Stärke im GC, mit sowohl Lipowitz als auch Roglic“, erklärte Bay.
Stattdessen ging dieser Vorteil in einer einzigen Etappe verloren. „Er wirft sein GC fast demonstrativ auf einer Etappe weg, auf der es mit Roglics Qualitäten nicht besonders schwierig schien, in der Zeit des Siegers zu finishen.“
Fragen ohne Antwort
Das Team hat Roglics Vorgehen öffentlich nicht erklärt, die Beweggründe bleiben Interpretationssache.
Unklar bleibt, warum er sich entschied, früh am Anstieg Tempo zu machen, statt eine aggressivere oder abgestimmtere Teamtaktik zu wählen. Fest steht vorerst nur die Konsequenz.
Auf einer Etappe, auf der Tadej Pogacar erneut das Rennen prägte, hat Roglics Entscheidung Red Bull - BORA - hansgrohe eine Option im Kampf um den Gesamtsieg genommen und eine neue Debatte über seine Rolle im Team entfacht.