„Bei Visma ist für ein wachsendes Ego kein Platz“ – Ex-Profi sieht klaren Grund für den Abschied von Jonas Vingegaards langjährigem Trainer

Radsport
Mittwoch, 18 Februar 2026 um 14:30
Vingegaard
Als Tim Heemskerk Team Visma | Lease a Bike in diesem Winter verließ, reagierte das Peloton prompt und mit Unbehagen. Der Trainer, der Jonas Vingegaards Aufstieg vom Rohdiamanten zum zweifachen Tour-de-France-Sieger am engsten begleitet hatte, war plötzlich weg – ohne andere öffentliche Erklärung als vage Hinweise auf Kreativität und Ausrichtung.
Für Ex-Profi Thomas Dekker liegt die Begründung deutlich nüchterner.
Im Podcast Live Slow Ride Fast ordnete Dekker Heemskerks Abschied nicht als Krise ein, sondern als vorhersehbare Folge der Struktur, auf der Vismas System basiert.
„Für ein wachsendes Ego ist bei Visma kein Platz“, sagte Dekker und verwies direkt auf die langjährige interne Philosophie des Teams.

Ein System, das Individuen überdauern soll

Dekkars Kernthese: Vismas Erfolg wurzelt stets in der Struktur, nicht in Einzelpersonen – so einflussreich diese auch werden mögen.
„Heemskerk kam 2019 praktisch als Niemand“, erklärte Dekker. „Doch mit den Erfolgen mit Jonas wurde er sehr schnell zum Trainer. Genau dort kann es mit Vismas Arbeitsweise zu Reibungen kommen.“
Das niederländische Credo vom gemeinsamen Gewinnen ist seit Jahren bekannt, doch Dekker betonte, dass es Folgen hat, wenn Einzelprofile das Kollektiv zu überstrahlen drohen.
„Visma will, dass das Team größer ist als jede Einzelperson“, sagte er. „Wenn ein Ego darüber hinauswächst, passt es nicht mehr ins System.“
Diese Einschätzung fügt sich in den größeren Kontext von Heemskerks Abschied. Nach acht Jahren im Verbund räumte der Performance-Coach ein, dass es zunehmend schwer fiel, kreative Freiheit innerhalb von Vismas stärker zentralisiertem Performance-Rahmen zu bewahren. Seine Aufgaben wurden intern zügig neu verteilt – auch jene rund um Vingegaard.

Auch Vingegaard ist nicht größer als das System

Dekker vermied es, die Lage als persönlichen Konflikt zu zeichnen, deutete jedoch an, dass Vingegaards Nähe zu Heemskerk selbst Teil des Problems geworden sein könnte.
Podcast-Co-Host Laurens ten Dam vertiefte diese Dynamik. „Jonas hat sich wohl zu sehr an Heemskerk orientiert“, sagte Ten Dam. „Dadurch hatten andere Trainer weniger Einfluss, und das passt einfach nicht zu Vismas Arbeitsweise.“
Die Implikation ist subtil, aber wesentlich. Selbst ein zweifacher Tour-de-France-Sieger formt bei Visma die Trainerhierarchie nicht nach Belieben um sich herum. Das System ist nicht verhandelbar.

Erfolg als Quelle der Spannung

Dekker wandte sich auch deutlich gegen die Deutung, Heemskerks Abgang sei ein Zeichen interner Instabilität. Im Gegenteil: Vismas Dominanz der jüngeren Vergangenheit erzeuge genau solche Reibungsmomente.
„Ohne dieses System gewinnt Vingegaard niemals zweimal die Tour“, sagte Dekker. „Viele vergessen, dass Visma vergangene Saison zwei Grand Tours gewonnen hat.“
Kritik an Höhencamps, strikter Planung und zentralisierter Steuerung sei oft überzeichnet, so Dekker.
„Man hört, Fahrer würden zu Höhencamps gezwungen“, ergänzte Dekker. „Aber das ist inzwischen bei jedem Top-Team der Fall. Und es gibt mehr Flexibilität, als viele glauben. Wout van Aert konnte zum Beispiel immer in Belgien leben. Es gibt Raum für individuelle Bedürfnisse.“

Ein Team, das Kontinuität über Bequemlichkeit stellt

Aus dieser Perspektive fügt sich Heemskerks Weggang in ein größeres Muster ein. Visma priorisiert konsequent langfristige Kontinuität vor kurzfristiger Bequemlichkeit – selbst wenn das den Verlust sehr einflussreicher Figuren bedeutet.
Die Botschaft, so Dekkers Deutung, ist kompromisslos: So zentral jemand für den Erfolg auch wird, das System steht immer an erster Stelle.
In einer Saison, die bereits von Simon Yates’ abruptem Karriereende, Trainerwechseln und erneuter Debatte über Vismas Methoden geprägt ist, befeuert Heemskerks Abschied zwangsläufig externe Unruhenarrative. Intern wirkt die Logik jedoch deutlich kühler und kalkulierter.
Bei Visma gehört der Erfolg nicht Einzelnen – und wenn dieses Gleichgewicht kippt, folgt die Reaktion prompt.
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