Analyse – Die 5 Anwärter auf den letzten Platz im Tour-de-France-Aufgebot von Visma zur Unterstützung von Jonas Vingegaard

Radsport
Donnerstag, 28 Mai 2026 um 20:00
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Team Visma | Lease a Bike ist auf Kurs, den Giro d'Italia 2026 zu gewinnen, doch im Hinterkopf ist bereits die Tour de France. Jonas Vingegaard peilt das Gelbe Trikot von Tadej Pogacar zurückzuerobern an, was alles andere als einfach ist. Da Christophe Laporte aus dem „Achter“ fällt, stellt sich die Frage: Wer ersetzt ihn?
Laporte hatte in den vergangenen Jahren viel Pech: Eine Satteldrüse stoppte 2024 seine Kopfsteinpflaster-Kampagne, ein Sturz beendete seinen Giro d'Italia. 2025 verpasste er wegen einer Virusinfektion nahezu die komplette Saison. Er konnte weder die Frühjahrs-Klassiker noch die Tour de France bestreiten; sein erster Renneinsatz erfolgte erst Mitte August.
2026 lief es kaum anders: Ein Sturz führte zu einem Riss des Quadrizeps. Nach einem starken Frühjahr erwischte den Franzosen die Verletzung just zu einer Phase, in der Gesundheit und Form Pflicht sind, wenn die Weltelite ins Höhentrainingslager zur Tour-Vorbereitung reist – mit Ausnahme der Fahrer, wie Vingegaard, die den Giro d'Italia bestreiten.
Somit stehen sieben Fahrer für Visma bei der Tour fest. Drei sind aktuell beim Giro: Vingegaard selbst sowie seine rechten Hände Victor Campenaerts und Sepp Kuss. Wout Van Aert, Matteo Jorgenson, Edoardo Affini und Bruno Armirail wurden bereits im Januar in La Nucia, Costa Blanca, für die Grand Boucle eingeplant, als das Team seine Rennprogramme veröffentlichte.

Wer wird also der achte Fahrer, der Christophe Laporte ersetzt?

Ben Tulett

Ben Tulett ist wohl der Topkandidat für diesen Platz. Wie einige andere auf der Liste steht er auch auf der Shortlist für die Vuelta a España. Doch im Tour-Aufgebot ist eine Lücke entstanden, und Tulett bringt wohl die meisten Referenzen mit, um Jonas Vingegaard bei der Grand Boucle zu unterstützen.
Denn bereits vergangenen Sommer bei der Vuelta a España war seine Arbeit für den Dänen herausragend. Er glänzte an kurzen wie langen Anstiegen und erfüllte die Helferrolle perfekt. Der Schwung des 24-jährigen Briten hielt an, zumal er seit seinem Wechsel 2024 mehrfach eigenständig Visma anführte.
2025 gewann er die Settimana Internazionale Coppi e Bartali, und in diesem Frühjahr erhielt er nach Matteo Jorgensons Verletzung bei den Ardennen-Klassikern freie Fahrt. Tulett wurde Dritter beim Flèche Wallonne – ein Ergebnis von Gewicht –, 13. bei Lüttich–Bastogne–Lüttich und erneut Dritter bei Eschborn–Frankfurt. Tulett ist auf kleineren Anstiegen am stärksten, was ihn in einer Aufstellung ohne Puncheure noch wertvoller macht. In den Hochalpen kann sich das Team ebenfalls auf ihn verlassen.

Per Strand Hagenes

Per Strand Hagenes ist eine der Entdeckungen dieser Saison. Sein Durchbruch kam nicht überraschend, eher wie eine absehbare Entwicklung. In diesem Frühjahr erzielte der Norweger die besten Resultate seiner Karriere. Wo Wout Van Aert am Start war, arbeitete Hagenes als Edelhelfer – und das auf höchstem Niveau.
Er nutzte jede Freiheiten konsequent. Beim GP de Denain attackierte er berühmt-berüchtigt gemeinsam mit Alec Segaert, brach jedoch auf den Schlusskilometern ein, während sein Rivale zum Sieg fuhr. Die Form des 22-Jährigen war dennoch herausragend, was er eine Woche später mit Rang zwei hinter Mathieu van der Poel bestätigte – der Nachweis, dass er in der Weltspitze angekommen ist.
Erst am vergangenen Wochenende gewann der 22-Jährige die Antwerp Port Epic. Verknüpft man die Indizien, könnte er tatsächlich Vismas Wahl sein – auch wenn er, wie Tulett, für die Vuelta notiert ist. Hagenes ist wie Laporte ein Klassiker-Spezialist. Erfahrung bei Grand Tours hat er jedoch nicht, ebenso wenig Routine in der Positionierung der Kletterer.
Das ist ein Risiko, und das niederländische Team könnte davor zurückschrecken, einen Fahrer mitzunehmen, der sich auf diesem Terrain noch nicht bewiesen hat. Fakt ist jedoch: Er ist ein Rohdiamant mit enormem Potenzial und nachweislicher Wattleistung. Mit Führung durch Fahrer wie Vingegaard, Wout Van Aert und Victor Campenaerts könnte er die Rolle schnell finden. Ein Risiko, aber mit hoher Upside.
Per Strand Hagenes beim GP de Denain 2026
Per Strand Hagenes during the 2026 GP de Denain

Jorgen Nordhagen

Nordhagen ist die Alternative zu Ben Tulett. Beide eint ein Hindernis: Laporte war ein Klassiker-Spezialist, und die Teamplanung fußte auf seinem Profil. Entsprechend besteht womöglich weder Wunsch noch Bedarf nach einem weiteren Kletterer. Doch Optionen sind vorhanden, und mit Nordhagen hat man seit Jahren den „Mini-Vingegaard“ im Kader – wegen physischer und fahrerischer Ähnlichkeiten.
Nordhagen hat bislang allerdings noch keine Grand Tour bestritten, ursprünglich war die Vuelta a España vorgesehen. In einer Helferrolle könnte er jedoch im Tour-Block und innerhalb des Teams über drei Wochen enorm viel lernen. Aus Entwicklungssicht spricht langfristig wenig dagegen.
UAE und Red Bull – BORA – hansgrohe werden in den Bergen viele Karten haben, und Visma dürfte das Gleiche brauchen; vielleicht sogar die beste mit Nordhagen. Er wurde Achter bei der UAE Tour, Zweiter hinter Adam Yates bei O Gran Camiño und Vierter bei der jüngsten Tour de Romandie, wo Tadej Pogacar den Gesamtsieg holte. In der Romandie war sein Niveau außergewöhnlich hoch, es wirkt, als mache er 2026 den nächsten Schritt.
Nordhagen ist ein exzellenter Kletterer mit großem Zukunftspotenzial – und bereits einer starken Gegenwart. Wie bei Simon Yates im Vorjahr hat das Team die Möglichkeit, einem Fahrer über das Rennen hinweg Freiheiten zu geben, die Positionskämpfe zu meiden und erst in den Bergen nach vorn zu kommen, wenn es wirklich zählt. Das kann die ideale Rolle für Nordhagen sein. Er hat ein komplettes Frühjahr in den Beinen und legt nun vor seinem Sommerblock eine Pause ein, was eine punktgenaue Tour-Vorbereitung realistischer macht.
Jørgen Nordhagen bei der Tour de Romandie 2026
Jorgen Nordhagen at the 2026 Tour de Romandie

Axel Zingle

2025 wurde Axel Zingle von Visma verpflichtet und hinterließ bei Paris–Nizza einen starken ersten Eindruck. Er sprintete auf mehreren Etappen in die Topränge und war zugleich ein Schlüsselhelfer für Matteo Jorgensons Gesamtsieg. Bei der Vuelta a España sollte seine Helferrolle den Härtetest bekommen, endete jedoch früh nach einem Sturz.
Zingle ist ein Puncheur mit Sprint, ein starker Unterstützer für Wout Van Aerts Ambitionen; für Vingegaard dürfte er von dieser Liste am wenigsten ausrichten – ausgeschlossen ist er dennoch nicht. Mit Laporte brachte Visma keinen Leader zur Tour, sondern einen Fahrer für Führungsarbeit im Feld. Zingle kann genau das leisten. Sein Vermögen, kurze Anstiege zu überqueren, und seine Klassikererfahrung machen ihn wertvoll an nervösen Tagen, an denen die Klassementfahrer dauerhaft um Positionen kämpfen. Zudem ist er die französische Alternative zu Laporte – ein Faktor, der in der Auswahl eine Rolle spielen könnte.

Owain Doull

Owain Doull ist vielleicht der am wenigsten prominente Name auf dieser Liste, aber er ähnelt Christophe Laporte wohl am meisten. Der Franzose füllte die Rolle als Positionshelfer für Vingegaard und unterstützte Wout Van Aert potenziell auf Sprint- oder hügeligen Etappen.
Doull ist ein erfahrener Straßenkapitän mit fast zehn Jahren WorldTour-Praxis und wurde im Winter mit einem Zweijahresvertrag bei Visma ausgestattet – mit klar umrissenen Aufgaben. Er ist für das Team sehr wertvoll. In den Kopfsteinpflaster-Klassikern und in den Ardennen hatte er eine eindeutige Rolle: die Anführer des Teams zu positionieren. Ja, die Mannschaft hat andere Kraftpakete. Doch die Bedeutung einer guten Positionierung darf man in Zeiten immer häufigerer Stürze nicht unterschätzen.
Sucht das Team einen Rouleur als Laporte-Ersatz, der lange Stunden an der Spitze des Feldes arbeiten kann, könnte Doull die Idealbesetzung sein.
Die Entscheidung dürfte bald öffentlich werden, unterstützt durch die aktuellen Trainingspläne der Fahrer in Sierra Nevada.
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