„Er liebt den Sport einfach über alles“ – Wout Van Aert vor bis zu 15 Crossrennen und neuer WM-Chance?

Cyclocross
durch Nic Gayer
Wout van Aert im Schneetreiben bei der Exact Cross Mol 2026
Wout Van Aert könnte vor seinem umfangreichsten Cyclocross-Winter seit Jahren stehen. Obwohl ein Knöchelbruch seine vergangene Saison nach einem spektakulären Duell mit Mathieu van der Poel vorzeitig beendete, hat der Belgier seine Rückkehr in den Querfeldeinsport bereits bestätigt. Eurosport-Kommentator Jeroen Vanbelleghem rechnet sogar damit, dass der Profi von Visma - Lease a Bike in den kommenden Monaten deutlich häufiger an den Start gehen wird als zuletzt. Bis zu 15 Rennen hält er für möglich.
Van Aerts letzter Cyclocross-Auftritt endete am 2. Januar auf besonders bittere Weise. Beim Rennen im belgischen Mol lieferte er sich auf einer schneebedeckten Strecke ein packendes Duell mit Van der Poel, ehe er auf einem glatten Abschnitt stürzte. Der dabei erlittene Knöchelbruch machte eine Operation erforderlich und beendete seinen Crosswinter abrupt. Besonders ärgerlich: Bis zu diesem Zwischenfall hatte der Belgier eine seiner stärksten Leistungen im direkten Vergleich mit seinem langjährigen Rivalen gezeigt.

„Es würde ihm mehr nehmen, ihm das Rennfahren zu verbieten“

Im Eurosport-Podcast Kop over Kop widersprach Vanbelleghem der Vorstellung, Van Aert müsse angesichts seiner Verletzungshistorie künftig auf Cyclocross-Rennen verzichten. Für den Kommentator steht fest, dass die Leidenschaft des Belgiers für den Querfeldeinsport schwerer wiegt als die Sorge vor einem erneuten Sturz.
Wout van Aert in Aktion.
Wout Van Aert plant nach seinem Knöchelbruch die Rückkehr in den Cyclocross-Sport. Experten halten bis zu 15 Renneinsätze für möglich, während eine Teilnahme an der Radsport-WM 2027 in Ostende noch offen ist.
„Risiko? Er liebt den Sport einfach über alles“, erklärte Vanbelleghem. „Ich glaube, es würde ihm mehr nehmen, ihm Crossrennen zu verbieten, als ihn diese Risiken eingehen zu lassen. Ich erwarte, dass Van Aert deutlich häufiger startet als Van der Poel. Vielleicht zehn oder fünfzehn Rennen.“
Ein solches Programm würde eine deutliche Veränderung gegenüber den vergangenen Jahren bedeuten. Mit seinen wachsenden Ambitionen bei den großen Straßenrennen hatte Van Aert seine Cyclocross-Einsätze zunehmend reduziert und sich auf ausgewählte Veranstaltungen konzentriert. Im vergangenen Winter bestritt er lediglich sechs Rennen, bevor ihn der Sturz in Mol stoppte. Allerdings war sein damaliger Rennkalender ohnehin von Beginn an vergleichsweise kurz angelegt.
Dass Van Aert überhaupt wieder ins Gelände zurückkehren wird, steht bereits fest. Anfang Oktober bestätigte der Belgier während einer virtuellen Gruppenfahrt auf ROUVY seine Pläne für den kommenden Crosswinter. Konkrete Angaben zu seinem ersten Start oder zur Anzahl der Rennen machte er allerdings nicht. Das endgültige Programm muss noch gemeinsam mit seinem Trainer und Visma - Lease a Bike ausgearbeitet werden. Dabei genießt die Vorbereitung auf die Straßensaison 2027 weiterhin hohe Priorität.
Der frühere Radprofi Thijs van Amerongen hält es dennoch für gut möglich, dass Van Aert seine bisherigen Pläne ausweitet. Ein entscheidender Faktor könnte aus seiner Sicht sein, dass der Belgier trotz seiner schweren Verletzung anschließend eine erfolgreiche Straßensaison absolvierte.
„Ich glaube, das vergangene Jahr ist für Van Aert sehr gut gelaufen“, erklärte Van Amerongen bei Kop over Kop. „Er ist zwar gestürzt, hatte aber trotzdem eine sehr gute Straßensaison. Vielleicht hat ihn das davon überzeugt, dass ihm der Querfeldeinsport guttut und er nicht nur eine Handvoll Rennen fahren wird.“
Tatsächlich gelang Van Aert nach seinem verletzungsbedingten Rückschlag ein sportlicher Höhepunkt, auf den er lange hingearbeitet hatte. Im April gewann er erstmals Paris-Roubaix und erfüllte sich damit einen seiner größten Karrierewünsche. Im Velodrom von Roubaix setzte er sich in einem packenden Sprint gegen Tadej Pogacar durch und sicherte sich den prestigeträchtigen Monument-Sieg.
Auch Eurosport-Analyst Bobbie Traksel sieht gute Gründe für eine intensivere Cyclocross-Saison. Regelmäßige Renneinsätze könnten Van Aert dabei helfen, seine technischen Fähigkeiten und seine Sicherheit auf schwierigen Untergründen zu erhalten. Zu lange Pausen zwischen den Rennen seien seiner Ansicht nach nicht unbedingt von Vorteil.
„Ich glaube sogar, dass man technisch weniger sicher werden kann, wenn man weniger Cross fährt“, erklärte Traksel. „Man muss wieder ein Gefühl dafür bekommen. In den ersten Rennen sah man, wie alle versuchten, dieses Gefühl auf dem Rad wiederzufinden.“

Vierter Titel bei der Radsport-WM? Van der Poels Zukunft könnte entscheidend sein

Neben seiner Begeisterung für den Querfeldeinsport könnte Van Aert noch ein weiterer Faktor zu einem umfangreicheren Winter motivieren: die ungeklärte Zukunft von Mathieu van der Poel. Der Niederländer hat zuletzt offen darüber nachgedacht, seine Cyclocross-Karriere nach dem Gewinn seines achten Regenbogentrikots in Hulst zu beenden. Sollte er tatsächlich auf eine weitere Titelverteidigung verzichten, könnten sich die Kräfteverhältnisse im Kampf um den Weltmeistertitel erheblich verändern.
Hinzu kommt, dass Van der Poel im Januar erstmals Vater werden soll. Vor diesem Hintergrund hat der Niederländer bislang nicht bestätigt, ob er bei der Radsport-WM in Ostende antreten wird. Seine Entscheidung dürfte auch für die Planungen seines langjährigen Rivalen von großer Bedeutung sein.
„Vielleicht glaubt Van Aert, dass er bei der Weltmeisterschaft eine Chance hat“, vermutete Traksel. „Ich denke, alle warten darauf, zu erfahren, wie Van der Poels Crosswinter aussehen wird.“
Van Aert wartet bereits seit 2018 auf einen weiteren Weltmeistertitel im Cyclocross. Damals hatte er sein drittes Regenbogentrikot in Folge gewonnen. Seither gelang ihm kein weiterer Triumph bei der Radsport-WM, während Van der Poel die vergangenen vier Austragungen für sich entschied. Beim bislang letzten WM-Duell der beiden Ausnahmekönner in Lievin 2025 musste sich der Belgier mit Silber begnügen.
Van Amerongen geht allerdings davon aus, dass Van der Poel dem Cyclocross-Sport zumindest vorerst erhalten bleibt. Selbst ein stark reduziertes Rennprogramm würde aus seiner Sicht ausreichen, um den Niederländer auf höchstem Niveau konkurrenzfähig zu halten.
„Er wird weiterhin Cross fahren“, prognostizierte Van Amerongen. „Vielleicht startet er nur bei drei oder vier Rennen. Das würde ihm reichen. Hoffen wir auch, dass Van Aert zurückkommt, fit ist und nicht stürzt.“
Bislang hat keiner der beiden Stars seine Teilnahme an der Radsport-WM am 31. Januar 2027 offiziell bestätigt. Der Austragungsort Ostende dürfte bei beiden allerdings besondere Erinnerungen wecken. Bereits 2021 trafen Van Aert und Van der Poel dort im Kampf um das Regenbogentrikot aufeinander. Auf der anspruchsvollen Strecke mit ihren schwierigen Sandpassagen setzte sich damals der Niederländer durch und gewann seinen fünften Weltmeistertitel.

Paris-Roubaix bereits gewonnen: Van Aerts nächstes großes Ziel heißt Flandern-Rundfahrt

Eine entscheidende Frage bleibt, wie sich ein möglicherweise deutlich umfangreicherer Cyclocross-Winter mit Van Aerts Vorbereitung auf die Frühjahrsklassiker vereinbaren lässt. Der Belgier hat mit seinem langersehnten Triumph bei Paris-Roubaix in diesem Jahr einen seiner größten sportlichen Wünsche erfüllt. Für 2027 steht jedoch bereits das nächste Monument ganz oben auf seiner persönlichen Zielliste: die Flandern-Rundfahrt.
Dass Van Aert auch diesen Klassiker unbedingt gewinnen möchte, hat er mehrfach deutlich gemacht. Entsprechend sorgfältig müssen er und Visma - Lease a Bike abwägen, wie viele Crossrennen sich mit einer optimalen Vorbereitung auf die Straßensaison vereinbaren lassen. Noch ist sein Winterprogramm nicht endgültig festgelegt. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Jeroen Vanbelleghems Prognose von zehn bis 15 Einsätzen tatsächlich Wirklichkeit wird – und ob Van Aert Ende Januar erneut um das Regenbogentrikot kämpfen kann.
Klatscht 0Besucher 0
loading

Gerade In

Beliebte Nachrichten

Aktuelle Kommentare

Loading