Das Straßenrennen der Elite-Männer bei der
Radsport-WM 2026 steht unmittelbar bevor und bildet den Abschluss einer intensiven Woche in Montreal. Auf einem giftigen, zugleich aber vielseitigen Kurs wird in Kanada der Nachfolger von Tadej Pogacar im Regenbogentrikot gesucht.
Remco Evenepoel, Paul Seixas und Isaac del Toro stehen dabei besonders im Rampenlicht. Dahinter lauert eine ganze Reihe weiterer prominenter Anwärter, darunter Mathieu van der Poel, Tom Pidcock, Wout Van Aert, Ben Healy, Quinn Simmons und Brandon McNulty.
Wenn sich die Favoriten belauern, schlägt die Stunde der Außenseiter
Ohne den überragenden Slowenen bekommt das Rennen ein völlig neues Gesicht. Favoriten und Außenseiter wittern ihre Chance auf den Titel – doch was passiert, wenn am Ende keiner der großen Namen zum Zug kommt?
Bei so vielen Kandidaten und Nationen, die sich gegenseitig beobachten und ihre Aufmerksamkeit auf die prominentesten Konkurrenten richten, könnte genau darin die große Chance für einen Fahrer liegen, den kaum jemand als ernsthafte Gefahr für das Regenbogentrikot auf der Rechnung hat. Eine frühe Attacke, taktisches Zögern im Feld und plötzlich könnte ein Außenseiter vor einem der bemerkenswertesten Siege seiner Karriere stehen. Wir haben einige unkonventionelle Kandidaten herausgegriffen, die früh offensiv werden und in Montreal tatsächlich durchkommen könnten.
Tobias Johannessen
Tobias Johannessen gehört noch zu den naheliegenderen Kandidaten, könnte in der Favoritendiskussion aber dennoch unterschätzt werden. Der Profi von Uno-X Mobility führt die norwegische Auswahl an und dürfte die Freiheit besitzen, auch aus größerer Distanz in die Offensive zu gehen.
Johannessen besitzt ein ausgeprägtes Gespür dafür, in die
richtigen Fluchtgruppen zu gelangen, verfügt über starke Kletterqualitäten auf Gesamtklassement-Niveau und bringt gleichzeitig genügend Vielseitigkeit mit, um auch auf welligem Terrain mit den Besten mitzuhalten. Damit ist der Norweger ein gefährlicher Fahrer, dem die Konkurrenz in Montreal nicht zu viel Freiraum gewähren sollte.
Davide Piganzoli
Davide Piganzoli könnte sich als Italiens Geheimwaffe erweisen. Der Profi von Visma - Lease a Bike präsentierte sich zuletzt in ausgezeichneter Verfassung. Nachdem er zwei Grand Tours an der Seite der Gesamtklassement-Fahrer als wichtiger Helfer von Jonas Vingegaard absolviert hat, scheint der Italiener nun selbst aufzublühen.
Er gewann in der vergangenen Woche die Tour de Luxembourg und demonstrierte dabei seine Topform. Piganzoli neutralisierte Attacken der Gesamtklassement-Konkurrenten und setzte auf der dritten Etappe selbst zu einem langen Vorstoß an. In einer italienischen Auswahl mit mehreren potenziellen Kapitänen könnte sich genau daraus eine Chance ergeben: Während die Konkurrenz auf Giulio Ciccone, Lorenzo Finn oder Christian Scaroni achtet, könnte ein offensiv fahrender Piganzoli entkommen.
Guillermo Thomas Silva
Guillermo Thomas Silva hat 2026 bei XDS Astana seinen großen Durchbruch geschafft. Der Uruguayer gewann eine Etappe beim Giro d'Italia und durfte dort das Rosa Trikot tragen. Im Sommer folgte zudem der Gesamtsieg beim Arctic Race of Norway.
Uruguay gehört zwar nicht zu den traditionellen Radsport-Großmächten und wird entsprechend weniger stark eingeschätzt als die führenden Nationen. Dennoch sollten sich die Favoriten zweimal überlegen, ob sie ein uruguayisches Trikot einfach ziehen lassen. Der 24-Jährige hat bereits mehrfach gezeigt, dass er überraschend schwer wieder einzufangen ist.
Jhonatan Narvaez
Ähnlich wie Johannessen müsste eigentlich auch Jhonatan Narvaez längst als ernsthafte Gefahr betrachtet werden. Ursprünglich sollte der Profi von UAE Team Emirates - XRG gemeinsam mit Richard Carapaz ein gefährliches ecuadorianisches Duo bilden. In dessen Abwesenheit wird Narvaez nun jedoch der einzige Fahrer seines Landes im Rennen sein.
Mit seinen Erfolgen bei Grand Tours, einem Fahrerprofil, das hervorragend zum wichtigsten Anstieg des Rundkurses passt, und seiner ausgeprägten Rennhärte bringt Narvaez zahlreiche Voraussetzungen mit, um in Montreal eine bedeutende Rolle zu spielen. Der Ecuadorianer ist ein Fahrer, von dem zu erwarten ist, dass er das Rennen in irgendeiner Form prägen wird.
Jai Hindley
Bei
Jai Hindley gerät beinahe in Vergessenheit, dass der Australier in diesem Jahr auf dem Podium des Giro d'Italia stand. Nach einer ruhigeren Tour de France könnte ihm der Kurs in Montreal nun hervorragend entgegenkommen.
Bereits 2024 belegte Hindley beim GP de Montreal den zehnten Platz. Zudem fuhr er bei den vergangenen beiden Austragungen der Radsport-WM jeweils unter die besten 20. Australien reist mit einer starken Auswahl und mehreren guten Kletterern an – und Hindley könnte sich dabei als die beste Karte der Mannschaft erweisen.
Florian Lipowitz
Florian Lipowitz steht bei der Radsport-WM vor seinem endgültigen Comeback auf höchstem Niveau. Seit seinem Sturz bei der Tour de France, bei dem er sich im Zeitfahren das Schlüsselbein brach, ist der Deutsche weitgehend aus dem Rampenlicht verschwunden. Als Kapitän der deutschen Auswahl könnte ihm genau das in Montreal entgegenkommen, wenn das Feld zunächst keinen unmittelbaren Grund sieht, auf seine Attacken zu reagieren.
Florian Lipowitz führt die deutsche Auswahl bei der Radsport-WM in Montreal an und könnte nach zwei Monaten abseits des Rampenlichts zum gefährlichen Außenseiter werden.
Ein Lipowitz in Topform wäre nur schwer wieder einzufangen, sollte er Teil eines gefährlichen Vorstoßes werden. Nach zwei Monaten weitgehend unter dem Radar könnte ihm die Konkurrenz am Sonntag genau den Spielraum gewähren, den er benötigt, um seine Klasse erneut unter Beweis zu stellen.
Diese Außenseiter sollte man ebenfalls im Blick behalten
Doch die Liste möglicher Überraschungskandidaten endet dort längst nicht. Zahlreiche Fahrer besitzen das Potenzial, mit offensiver Fahrweise für Schlagzeilen zu sorgen. Afonso Eulalio fuhr beim GP de Montreal in die Top 10, während Matthias Vacek als kraftvoller Tempofahrer das wellige Profil nutzen könnte, um aus einer Flucht heraus eine Verfolgergruppe auf Distanz zu halten.
Auch Jan Christen besitzt einen explosiven Punch, der insbesondere für frühe Attacken gefährlich werden könnte. Felix Gall wiederum hat bei der Vuelta a Espana starke Form in den Bergen gezeigt. In Kombination mit dem Fehlen einer technischen Abfahrt macht ihn das zu einem weiteren Fahrer, den die Konkurrenz genau beobachten sollte.
Vor einer der offensten Ausgaben der Radsport-WM der vergangenen Jahre hoffen damit weit mehr als ein Dutzend Fahrer darauf, die prominenten Favoriten zu überraschen. Gerade wenn sich die großen Nationen gegenseitig belauern, könnte sich am Sonntagabend für einen Außenseiter die einmalige Gelegenheit ergeben, das Regenbogentrikot zu erobern.