Tom Pidcock kam
Tadej Pogacar bei Mailand–Sanremo so nahe wie niemand sonst. Er konterte jede Attacke an der Cipressa und am Poggio, bog mit dem Weltmeister gemeinsam in die Via Roma ein – und blieb doch ohne Sieg.
Für den italienischen Radsport-Ikonen der Nullerjahre und Mailand–Sanremo-Sieger 2003,
Paolo Bettini, entschied am Ende eine einzige Wahl – nachdem er zuvor anerkannt hatte, wie stark beide Fahrer das Rennen geprägt hatten.
„Pogacar war überragend, daran besteht kein Zweifel: Er hat das Rennen gemacht, er hat genau das umgesetzt, was er wollte. Er stürzte, stand wieder auf, ließ alle bis auf Pidcock zurück“,
sagte Bettini im Gespräch mit Bici.Pro. „Pidcock hatte die Chance seines Lebens. Als der Sprint losging, entschied er sich für die rechte Seite und zwängte sich praktisch in den Trichter zwischen Pogacar und den Absperrgittern.“
Eine Entscheidung im Wimpernschlag auf der Via Roma
Nach fast 300 Kilometern würden Nuancen den Sprint in Sanremo entscheiden. Bettinis Analyse zielt nicht auf die Wattwerte, sondern auf die Positionierung. „Alles lief regelkonform. Pogacar hat nicht zugemacht, er fuhr nicht unfair, er gab lediglich ein Signal, indem er sich leicht zu den Gittern lehnte“, erklärte Bettini. „Wenn man den Sprint noch einmal ansieht: Er kommt raus, fährt herum und geht links vorbei. Am Ende verlor er nur um wenige Hundertstel, etwa dreißig Zentimeter.“
Jener Moment, in dem Pidcock sich zunächst für die enge Lücke rechts entschied, ist für Bettini der Punkt, an dem sich das Rennen gegen ihn drehte. „Vielleicht – wenn er auf die breitere Straßenseite gegangen wäre, wo er ohne Zögern seinen Sprint hätte entfalten können –, ich weiß nicht, wie es ausgegangen wäre. Vielleicht würden wir von dem Foto-Finish der Geschichte sprechen.“
Rennintelligenz, keine Kontroverse
Die Positionierung von Pogacar hat Aufmerksamkeit erregt, doch Bettini ist in seiner Interpretation eindeutig. „Ich würde sagen: Professionalität. Er hat nichts Unregelmäßiges getan. Es ist normal, dass, wenn ein Meter zwischen mir und den Gittern ist, zehn Zentimeter Bewegung genügen. Manchmal reicht es, den Ellbogen zu öffnen, um eine Lücke zu schließen. Das ist Rennhandwerk.“
In diesem Sinn wurde der Sprint nicht durch Kontroversen entschieden, sondern durch Erfahrung und Instinkt auf den letzten Metern.
Bettini meint sogar, dass der Ausgang ganz anders hätte sein können, hätte Pidcock früher eine andere Linie gewählt. „Wäre er direkt in die Straßenmitte gegangen, hätte er die volle Breite gehabt. Dann hätte Pogacar, um zu lehnen, seine Linie ändern müssen. In diesem Fall, ja, wäre es unregelmäßig gewesen.“
Pidcock, Pogacar & Van Aert auf dem Schluss-Podium
Ein Fehler, den andere wohl nicht gemacht hätten
Hier wird Bettinis Fazit zugespitzter. „Nun, so wie es mit Pidcock lief und angesichts der kleinen Fehler, die wir analysiert haben, denke ich, dass Pogacar den Sprint sowohl gegen Van der Poel als auch gegen Van Aert verloren hätte.“
Weder
Mathieu van der Poel noch
Wout van Aert waren in der finalen Auswahl auf der Via Roma vertreten, doch Bettini ist überzeugt, dass ihre Erfahrung und ihr Entscheiden in diesem Moment wohl zu einem anderen Ergebnis geführt hätten. Eine Aussage, die Pidcocks Fahrt aufwertet und zugleich die Zielentscheidung schärfer kritisiert.
Keine Reue, nur Was-wäre-wenn
Trotz der Analyse sieht Bettini für Pidcock keinen Grund zur Beschwerde. „Er wird es sich noch einmal ansehen und sich fragen, wie der Sprint seines Lebens ausgegangen wäre, wenn er sofort links gefahren wäre. Aber mit ‘Wenn’ und ‘Aber’ gewinnt man Sanremo nicht.“
Und das ist die anhaltende Spannung der Ausgabe 2026.
Pidcock bewies, dass er Pogacar an den Anstiegen Paroli bieten kann. Er bewies, dass er im entscheidenden Moment eines Monuments hingehört. Doch laut Bettini wurde die Chance, als sie endlich da war, nicht so genutzt, wie es nötig gewesen wäre.