„Remco setzt sich zu sehr unter Druck, um in den Bergen besser zu sein“ – Pedro Delgado fordert Evenepoel auf, nicht länger zu versuchen, Pogacar und Vingegaard zu folgen

Radsport
Donnerstag, 16 April 2026 um 16:15
Remco Evenepoel
Die entscheidende Frage rund um Remco Evenepoel lautet nicht mehr, ob er zur absoluten Spitze des Sports gehört, sondern wie er fährt, wenn er in den Bergen direkt auf Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard trifft.
Vor den Ardennen und mit der Tour de France am Horizont hat sich diese Spannung erneut zugespitzt – diesmal durch die Brille eines ehemaligen Siegers, der sowohl das Potenzial als auch die Grenzen sieht.
Während der Katalonien-Rundfahrt gab Pedro Delgado eine pointierte Einschätzung zu Evenepoels Vorgehen in Hochgebirgsetappen ab. Er legte den Fokus weniger auf die physische Leistungsfähigkeit als auf die Entscheidungen, die folgen, wenn er sich neben Pogacar und Vingegaard wiederfindet, in Zitaten, gesammelt von RTBF.
„Evenepoel hat einen großen Motor, aber das Problem ist für ihn leider das Gebirge. Sein Körperbau macht ihn nicht wirklich zu einem Kletterer. Es ist schade, denn mit seinem Potenzial und seinem Charakter kann er Großes leisten, aber wenn Vingegaard und Pogacar vor ihm sind, wird alles schwierig.“

Druck versus Instinkt

Die Beobachtung ist nicht neu, doch Delgados Begründung schärft sie. Aus seiner Sicht liegt das Problem nicht nur darin, dass Evenepoel auf langen Anstiegen schwächer ist, sondern dass er versucht, diese Lücke auf eine Weise zu schließen, die ihm am Ende schadet.
„Ich mag Evenepoels Charakter, er erinnert mich an Bernard Hinault. Mental sehr stark, aber ich denke, er setzt sich zu sehr unter Druck, in den Bergen noch besser zu sein. Wenn ich ihm einen Rat geben kann: Er soll zu seinem eigenen Rhythmus klettern, wie im Zeitfahren. Er sollte nicht versuchen, Vingegaard und Pogacar zu folgen, sonst riskiert er, in die Luft zu gehen.“
Diese Spannung zwischen Ehrgeiz und Zurückhaltung steht im Zentrum von Evenepoels aktueller Entwicklung. Der Belgier hat seinen Ruf auf offensives Fahren gebaut, vertraut seinem Motor und geht all-in, sobald sich eine Chance bietet. Derselbe Instinkt trug ihn in Zeitfahren und Eintagesrennen, doch im Hochgebirge gegen die komplettesten Kletterer des Pelotons sind die Toleranzen deutlich geringer.
Delgados Punkt ist daher ebenso taktisch wie physiologisch. Beschleunigungen von Fahrern wie Pogacar und Vingegaard zu parieren, ist nicht nur eine Frage der Stärke, sondern des Timings und des Energiemanagements über wiederholte Antritte. In diesem Kontext wird das Fahren an der eigenen Schwelle statt des Reagierens auf andere zur Notwendigkeit, nicht zur Option.
„Es ist kompliziert, denn mit seinem Charakter will er bei den zwei Champions sein. Auf Spanisch sagen wir, in solchen Momenten muss man einen kühlen Kopf bewahren. Folgen oder nicht folgen, das ist die Frage.“

Klassikerstärke versus Tour-Ambition

Das Timing dieser Aussagen ist bezeichnend. Evenepoels unmittelbarer Fokus richtet sich auf Lüttich–Bastogne–Lüttich, ein Rennen, das seinen Stärken bereits entgegenkam und in dem sein aggressiver Stil ohne den gleichen anhaltenden Kletterdruck wie in Grand Tours voll zur Geltung kommt.
Doch das große Bild bleibt unverändert. Der Belgier wird bei der Tour de France gegen Pogacar und Vingegaard antreten – eine direkte Konfrontation, die unweigerlich in den von Delgado hervorgehobenen Bergen entschieden wird.
Diese doppelte Zielsetzung unterstreicht den Balanceakt, der vor ihm liegt. Eintagesrennen bieten ein Terrain, auf dem seine Qualitäten den Unterschied machen können, während die Tour eine andere Form der Kontrolle verlangt – eine, die möglicherweise einen Schritt weg vom Instinkt hin zu einer nüchterneren Fahrweise erfordert.
Delgados Analyse schließt Evenepoels Chancen nicht aus. Im Gegenteil: Sie unterstreicht, dass die Lücke nicht rein physisch ist, sondern davon abhängt, wie er fährt, wenn die entscheidenden Momente kommen. Gegen die zwei dominierenden Kletterer des Sports könnte der Unterschied weniger darin liegen, ob er folgen kann, sondern ob er folgen sollte.
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