Deutschland-Tour-Direktor Fabian Wegmann warnt, strengere Sicherheitsauflagen könnten Veranstalter finanziell überfordern und sie dazu zwingen, auf die Ausrichtung ihrer Rennen zu verzichten. Er befürwortet Mindeststandards für den gesamten Radsport, doch finanziell ohnehin angeschlagene Rennen müssten erhebliche Kosten stemmen, während die Unterstützung durch die Polizei zurückgehe.
„Wenn man die Sicherheitsstandards so hoch ansetzt, gibt es bald keine Rennen mehr“,
sagte Wegmann gegenüber road.cc. Seiner Schätzung nach „machen 90 Prozent der Rennen keinen Gewinn“.
Seine Aussagen folgen auf Proteste von Fahrern bei
Il Lombardia und Paris-Tours. Vorausgegangen waren wiederholte Zwischenfälle mit Fahrzeugen auf den Rennstrecken. Auf den Tod von Finlay Tarling bei der Volta a Portugal im August folgten eine Lieferwagenfahrt auf die Strecke der Coppa Bernocchi und ein Zusammenstoß bei Tre Valli Varesine: Ein entgegenkommendes Polizeimotorrad erfasste zwei Teamkollegen von Tom Pidcock.
Von 40 Polizeimotorrädern zu „vielleicht 20“
„Früher hatten wir bei der
Deutschland Tour 40 Polizeimotorräder, jetzt sind es vielleicht 20“, sagte Wegmann, ohne den Zeitpunkt des Rückgangs zu nennen. „Es werden immer weniger, weil die Polizei sagt: ‚Es ist nicht unsere Aufgabe, Rennen zu retten.‘ Ihre Aufgabe ist es, da zu sein, wenn etwas passiert.“
Wegmann ist auch beim Münsterland Giro tätig. Dort werden seiner Aussage nach 1.200 Menschen für die Absicherung der Veranstaltung bezahlt. „Man kann sich also vorstellen, wie teuer es ist, ein Rennen abzusichern. Wir brauchen auf jeden Fall Standards für Rennen. Aber ich habe immer gesagt: Sie dürfen nicht nur für die Profis gelten. Wir brauchen Standards für jedes Rennen.“
Er warnte davor, in verschiedenen Ländern identische Rahmenbedingungen zu erwarten. „Es hängt auch von den Gesetzen in den jeweiligen Ländern ab“, sagte er. „Selbst wenn die
UCI sagt: ‚Wir brauchen das und wollen es so‘, gehören die Straßen den Ländern.“
Mit Blick auf Autos, die auf den abgesperrten Zeitfahrkurs der Sauerlandrundfahrt gefahren waren, rechnete Wegmann vor: Um eine 14 Kilometer lange Strecke beidseitig abzusperren, wären 28 Kilometer Absperrungen nötig.
„Das ist nicht möglich. Das ist nicht machbar“, sagte er. „Man wird niemals einen Sponsor finden, der eine Million Euro nur für Absperrgitter bezahlt, ohne dafür etwas zurückzubekommen.“
„Die meisten Stürze passieren, weil die Fahrer zu viel riskieren“
„Die meisten Stürze passieren, weil die Fahrer zu viel riskieren“, sagte der frühere deutsche Meister. „Selbst wenn der Teammanager vor einer gefährlichen Abfahrt warnt und es dort Kreisverkehre und Verkehrsinseln gibt, will man als Fahrer gewinnen. Wenn es nass ist und man gut bergab fährt, denkt man: ‚Jetzt ist meine Zeit.‘ Dann fährt man los, und dann kann etwas passieren.“
Wegmann verwies auch auf Paris-Roubaix: „Man kann versuchen, ein neues Rennen zu schaffen, das extrem sicher ist, vielleicht auch in einer schönen Stadt und mit einer guten Strecke. Paris-Roubaix wird man damit niemals erreichen. Es spielt einfach nicht in derselben Liga.“
„Und Paris-Roubaix ist überhaupt nicht sicher“, fuhr er fort. „Mit 60 km/h über nasses Kopfsteinpflaster zu fahren, ist extrem gefährlich. Das gehört zu unserem Sport und macht ihn so interessant.“
Für die Streckenplanung fährt Wegmann den Kurs wiederholt ab. Dabei prüft er Verkehrsinseln und Kreisverkehre und legt fest, wo Streckenposten, Absperrungen und Polster nötig sind. Dennoch räumte er ein: „Wenn jemand mit seinem Auto aus einer Einfahrt fährt, bleibt das immer ein Problem.“
„Aber letztlich müssen wir aus jedem Sturz lernen“, sagte Wegmann. „Wir alle machen Fehler. Doch wir müssen daraus lernen und uns verbessern.“
Die Kosten für eine Änderung des Zielbereichs
„Manchmal entfernen wir Verkehrsinseln, oder die Stadt muss es tun. Aber es ist sehr teuer, eine Verkehrsinsel abzubauen und später wieder aufzubauen“, erklärte Wegmann. „Und wenn die Stadt dafür zahlen muss, muss sie es auch ihren Bürgern erklären.“
Wie schwierig das politisch sein kann, veranschaulichte er mit dem Beispiel, den Bürgern erklären zu müssen, dass 30.000 Euro Steuergeld für den Abbau und Wiederaufbau von drei Verkehrsinseln ausgegeben wurden.
Wegmann zufolge hat er auch schon Angebote potenzieller Gastgeberstädte für die Deutschland Tour abgelehnt, wenn sich dort kein sicherer Sprintzielbereich planen ließ.