„Ich erwarte, dass er bei der Tour de France stärker ist als je zuvor“ – Italienischer Trainer sieht nach Dominanz bei Paris–Nizza einen Giro d’Italia-Sieg als Schlüssel zum nächsten Niveau bei Jonas Vingegaard

Radsport
Freitag, 20 März 2026 um 19:30
Vingegaard
Jonas Vingegaards dominante Vorstellung bei Paris–Nizza hat zwar frühe Formfragen beantwortet, zugleich aber eine größere Richtung für den Sommer aufgeworfen: Kann der Däne den nächsten Schritt gehen und vor der Tour de France auch den Giro d’Italia in Angriff nehmen?
Laut dem italienischen Coach Paolo Artuso ist die Antwort eindeutig. Gegenüber Bici.Pro erklärte der erfahrene Trainer, der Kapitän von Team Visma | Lease a Bike könne den Giro nicht nur gewinnen, sondern sich damit vor Juli sogar weiter steigern.
„Für mich macht er den nächsten Schritt“, sagte Artuso. „Nach Paris–Nizza wird er vor dem Giro d’Italia noch einmal ins Höhentraining gehen, und das wird ihn weiter verbessern. Wenn er den Giro ohne Rückschläge bestreitet und gut regeneriert, legt er vor der Tour de France nochmals nach.“

Paris–Nizza-Dominanz als Fundament

Vingegaards Auftritt in Frankreich lieferte die Basis für diese Einschätzung. Der Däne kontrollierte das Rennen über die entscheidenden Etappen, gewann zweimal und baute einen souveränen Gesamtsieg mit mehr als vier Minuten Vorsprung auf.
Für Artuso beruhte diese Dominanz jedoch nicht nur auf individueller Stärke. „Ich habe einen sehr starken Vingegaard gesehen, in Form und exzellent von seinem Team unterstützt. Diese beiden Elemente zusammen ermöglichten ihm die Dominanz“, erklärte er.
Entscheidend sei auch, wo dieser Vorteil herausgefahren wurde. „Die Unterstützung des Teams war auf dieser Etappe fundamental, und was er dort gewonnen hat, war wichtig, um diese Überlegenheit herzustellen.“
Diese Beobachtung zielt direkt auf die Windkanten-Etappe, in der Positionierung und Teamstärke das Rennen prägten. Sie unterstreicht zudem den größeren Punkt: Vingegaards hohes Niveau wurde durch die Struktur um ihn herum noch verstärkt.

Nicht der einzige Fahrer in Topform

Artuso betonte zudem, dass der Abstand im Gesamtklassement das Niveau der Konkurrenz nicht vollständig abbildet. „Meiner Meinung nach war er nicht der Einzige, der stark bergauf fuhr“, sagte er. „Auch die beiden Martinez-Fahrer waren sehr stark, besonders Lenny.“
Diese Nuance liefert Kontext zum Vier-Minuten-Vorsprung. Vingegaard war über die Woche klar der Stärkste, doch mehrere Rivalen zeigten ein Niveau, das unter anderen Umständen stärker ins Gewicht fallen könnte. „Auch wenn der Abstand groß ist, halte ich ihn für etwas kleiner, als es die reinen Zeitdifferenzen nahelegen“, fügte Artuso an.

Giro als Sprungbrett, nicht als Risiko

Die Entscheidung, Giro und Tour in einer Saison zu fahren, gilt seit Langem als eine der größten Herausforderungen im modernen Radsport. In einer Ära zunehmend spezialisierter Vorbereitung wird traditionell eine komplette Saison auf den Formhöhepunkt im Juli ausgerichtet.
Artusos Analyse widerspricht diesem Denken. „Für mich kann er den Giro d’Italia gewinnen“, sagte er. „Und zwar ohne zurückzustecken. Auf seinem Niveau kann ihm ein Rennen wie der Giro immer noch etwas zusätzlich geben.“
Anstatt den Giro als Belastung für Vingegaards Tour-Chancen zu sehen, rahmt der Italiener ihn als potenziellen Vorteil – vorausgesetzt, die Regeneration wird richtig gesteuert.
Diese Perspektive steht im Kontrast zur langjährigen Debatte im Sport, in der die körperlichen Kosten zweier Grand Tours in schneller Folge oft als limitierender Faktor im Kampf um das Maillot Jaune gelten.

Ein anderer Giro-Zweikampf

Sollte Vingegaard in Italien starten, wird sich auch die Wettbewerbslandschaft deutlich von der Tour de France unterscheiden. Tadej Pogacar wird voraussichtlich nicht dabei sein, und mehrere große Namen für die Gesamtwertung dürften andere Programme verfolgen. Stattdessen formiert sich beim Giro ein anderes Kontingent an Anwärtern.
Fahrer wie Joao Almeida, Richard Carapaz, Giulio Pellizzari, Jai Hindley und Ben O’Connor zählen zu den erwarteten Zielsetzern, flankiert von möglichen Herausforderungen durch INEOS Grenadiers und aufstrebende Kletterer, die sich auf Grand-Tour-Niveau etablieren wollen.
Artusos früherer Hinweis auf die Teamstärke könnte in diesem Kontext ebenso relevant sein. An den härtesten Tagen von Paris–Nizza sah er ein klares Muster an der Spitze. „Am kältesten und härtesten Tag waren nur die Top-Teams und Top-Fahrer vorne“, sagte er.
Diese Dynamik könnte den Giro ähnlich prägen – insbesondere, wenn Vingegaard mit derselben mannschaftlichen Wucht anreist, die in Frankreich entscheidend war.

Der Aufbau Richtung Juli

Für Vingegaard bleibt der größere Rahmen klar. Nach den Niederlagen gegen Pogacar bei den letzten beiden Ausgaben der Tour de France bietet die Saison 2026 die Chance, das Kräfteverhältnis an der Spitze neu zu justieren.
Paris–Nizza hat bereits gezeigt, dass der Däne trotz eines holprigen Jahresstarts schnell wieder ein hohes Niveau erreichen kann. Die nächste Frage ist, ob der Giro seinen Formschliff weiter schärft – oder ihm etwas nimmt.
Artuso ist klar im ersten Lager. „Wenn er keine Probleme hat und gut regeneriert, erwarte ich ihn stärker denn je bei der Tour de France“, schloss er.
Ob sich diese Prognose bewahrheitet, wird erst im Juli beantwortet. Doch nach seinem Auftritt bei Paris–Nizza hat Vingegaard eines bereits klargemacht: Der Weg zurück ins Maillot Jaune wird lange vor dem Tour-Start gebaut.
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