Tom Pidcock schlägt auf dem Weg zu Milano-Sanremo in diesem Jahr einen ungewöhnlichen Kurs ein. Während viele Favoriten traditionell über Tirreno-Adriatico oder Paris-Nizza in Richtung des ersten Monuments der Saison reisen, setzt der Brite auf einen anderen Aufbau.
Diese Entscheidung spiegelt auch die Arbeitsweise seines Teams wider. Beim
Q36.5 Pro Cycling Team richtet sich das Rennprogramm zunehmend nach konkreten Zielen - und weniger nach den Gewohnheiten, die sich über Jahre im Peloton etabliert haben.
Strade Bianche prägt die Rennplanung
„Viele Fahrer machen das weiterhin, aber wenn man ständig dasselbe tut oder einfach anderen folgt, ist das nicht zwangsläufig gut“, erklärte Kurt Bogaerts im Gespräch mit
Wielerflits. „Tom hat nichts dagegen, jedes Jahr dieselben Rennen zu fahren, aber das gilt vor allem für die Monumente. Rund um diese Rennen schauen wir, wo es möglich ist, etwas anders zu machen.“
Tom Pidcock bei der Vuelta a Andalucia 2026
Nach Rang sieben bei Strade Bianche richtet Pidcock den Blick nun vollständig auf Milano-Sanremo. Bei dem italienischen Klassiker verhinderten Defekte eine mögliche Wiederholung seines Podiums aus dem Vorjahr.
Auch die Position im Rennkalender spielt laut Bogaerts eine wichtige Rolle für das alternative Programm. „Tirreno beginnt kurz nach Strade Bianche, und die Kombination mit Paris-Nizza ist noch schwieriger“, sagte er. „Nach so einem harten Rennen siehst du bei den Fahrern immer eine gewisse Entladung. Dieses Gefühl nimmst du mit in die folgende Rundfahrt.“
Der sportliche Leiter betont zudem die körperlichen Auswirkungen des Rennens. „Es ist unmöglich, nach einem Rennen wie Strade komplett frisch in den nächsten Start zu gehen. Das spürst du in den Beinen, und das erschwert bereits die ersten Möglichkeiten.“
Katalonien statt Tirreno-Adriatico
Statt bei Tirreno-Adriatico zu starten, wird Pidcock nach Milano-Sanremo bei der Volta a Catalunya antreten. Die Rundfahrt beginnt nur zwei Tage nach dem Monument.
Auf den ersten Blick wirkt dieser Plan ebenfalls anspruchsvoll. Dennoch sieht Bogaerts einen wichtigen Unterschied zwischen den beiden Rennformaten.
„Das stimmt, aber meiner Meinung nach ist Milano-Sanremo weniger belastend als Strade Bianche“, erklärte er. „Strade sind rund 200 Kilometer Vollgas, während Sanremo länger ist, aber ein kompakteres Finale hat. Es ist nicht ideal, aber sicherlich nicht unmöglich.“
Blick auf Tour de France und Ardennen-Klassiker
Die katalanische Rundfahrt spielt außerdem eine wichtige Rolle in Pidcocks langfristiger Saisonplanung. Nach seinem Podium bei der Vuelta a Espana im vergangenen Jahr reichen seine sportlichen Ziele zunehmend über klassische Eintagesrennen hinaus.
Längere Anstiege sollen künftig eine größere Rolle in seiner Entwicklung spielen.
„Mit Blick auf seine Ambitionen bei der Tour de France ist Katalonien ein Rennen mit deutlich längeren Anstiegen“, erklärte Bogaerts. „Es geht nicht darum, gezielt zu sehen, wo er in den Bergen steht, aber es ist eine gute Übung, um den Kletteraspekt zu pflegen. Es ist kein Selbstzweck, sondern etwas, das zu dem passt, was als Nächstes kommt.“
Die nächste Phase der Saison richtet sich anschließend klar auf die Ardennen-Klassiker: Amstel Gold Race, La Fleche Wallonne und Luttich-Bastogne-Luttich.
Pidcocks explosive Kletterqualitäten machen diese Rennen seit Jahren zu natürlichen Zielen. Bogaerts ist überzeugt, dass die zusätzlichen Höhenmeter in Katalonien diese Stärke weiter schärfen können.
„Tom hat die Explosivität bereits. Seine Fünf-Minuten-Werte sind sehr gut“, sagte er. „Aber Katalonien kann dich auch zwischen den Anstiegen stärker machen. Klassiker öffnen sich immer früher. Wenn du besser kletterst, ermüdest du langsamer und kannst deinen Punch viel leichter halten.“
Pidcocks Weg nach Milano-Sanremo wirkt auf den ersten Blick ungewöhnlich. Innerhalb des Teams herrscht jedoch eine klare Überzeugung: Erfolgreiche Vorbereitung muss nicht den Traditionen des Pelotons folgen, um am Ende zum richtigen Ergebnis zu führen.