Der entscheidende Moment bei
In Flanders Fields kam womöglich nicht am Kemmelberg, sondern deutlich früher – und auf weit überraschendere Weise.
Lange bevor das Rennen in seine prägende Phase ging, hatte
Mathieu van der Poel seine Absichten bereits klargemacht. Nicht öffentlich, nicht über Funk, sondern in einem kurzen Austausch mitten im Peloton.
Oliver Naesen gehörte zu den wenigen, die es hörten. „Am Eingang zu einem der Plugstreets schaute ich nach rechts und sagte: ‚Mathieu, es wäre mir recht, wenn du nicht sofort attackierst, ich habe gerade viel im Wind gearbeitet‘“,
erklärte Naesen im HLN Wielerpodcast. Die Antwort kam prompt. „‚Kein Stress, wir wollen sprinten‘“, erinnert sich Naesen. „Das zeigte, dass ihr Plan im Voraus feststand, und es gab mir sofort Vertrauen für das Finale.“
Ein Plan, der mitten im Rennen sichtbar wurde
Dieser kurze Dialog rückt das gesamte Finale in ein anderes Licht. Van der Poels dosiertes Vorgehen an der Seite von Wout van Aert am Kemmelberg, sein Zögern, die Attacke voll durchzuziehen, und das spätere Zusammenschluss, der Jasper Philipsens Sprinttriumph einleitete, fügen sich zu einem Plan, der laut Naesen bereits beschlossen war.
Selbst als alles nach einem Duell zu zweit aussah, wurde das spätere Ergebnis im Hintergrund bereits geformt. Diese Lesart stützt auch Van der Poels eigener Bericht im Ziel, in dem er zugab: „In der Gruppe mit Wout bin ich bewusst nicht voll mitgefahren.“
Auch Van Aert erkannte die Dynamik, wie sie sich auf der Straße entfaltete. „Die Zusammenarbeit mit Mathieu war gut, aber er hatte den Luxus, dass Philipsen hinter ihm war. So konnte er gegen Ende etwas defensiver fahren. Das war zu meinem Nachteil und machte den Unterschied.“
Naesen gab das Gehörte jedoch nicht weiter. „Er sagte, es sei privilegierte Information, also habe ich das respektiert“, räumte er ein.
Wout van Aert und Mathieu van der Poel gemeinsam in der Offensive
Die Information, die im Peloton blieb
Diese Entscheidung fügt der Geschichte eine weitere Ebene hinzu. Naesen fuhr für das
Decathlon CMA CGM Team, das im Finale mit Tobias Lund Andresen noch eine klare Karte hatte. Der Däne sprintete schließlich auf Rang zwei und unterstrich, wie nah das Team daran war, vom Szenario zu profitieren, auf das Alpecin-Premier Tech hingearbeitet hatte.
Dennoch gingen sie ohne das vollständige Bild in die Schlussphase. Hätte die Weitergabe dieser Information beeinflusst, wie Decathlon und andere die letzten Kilometer angegangen wären?
Da Van der Poel die Gruppe eher kontrollierte, als voll zu investieren, und Philipsen dahinter positioniert war, kippte die Rennbalance bereits Richtung Sprint. Stattdessen lief das Finale ab, ohne dass diese Einsicht im Peloton breit bekannt war.
Respekt, Rivalität und Konsequenz
Naesens Entschluss, die Information nicht weiterzugeben, spiegelt eine andere Dynamik im Peloton wider, in der persönliche Beziehungen und informelle Absprachen neben Teamtaktik stehen. Seine Begründung war schlicht und eher von Respekt als von Strategie geprägt.
Auf dasselbe taktische Gesamtbild ging im Podcast auch Greg Van Avermaet ein. Er bemerkte: „Man sieht, dass er nach dem Kemmelberg nie mehr wirklich Vollgas gefahren ist.“
Zugleich stellt sich eine unvermeidliche Frage. In einem Rennen, in dem die Margen oft in Sekunden und Positionen gemessen werden, wie wertvoll ist Information – und was passiert, wenn sie nicht geteilt wird?
Bei
In Flanders Fields liegt die Antwort wohl auf der feinen Trennlinie zwischen einem Sprint um den Sieg und einem Sprint um Platz zwei.