Tadej Pogačars Saison 2026 driftet bereits über reine Dominanz hinaus und nimmt historischere Züge an. Der Sieg bei Milano–Sanremo strich endlich das Monument von der Liste, das sich ihm lange entzogen hatte, und lässt Paris–Roubaix als letzte Lücke in einem Palmarès, das zunehmend wie eines der vollständigsten der Sportgeschichte wirkt.
Mit einem fünften Tour-de-France-Titel fest im Blick für diesen Sommer – ein Ergebnis, das ihn mit
Miguel Indurain gleichziehen ließe –, sind die Vergleiche mit den Größten des Radsports nicht mehr theoretisch. Sie sind unmittelbar. Und wenn Indurain selbst die Frage beantwortet, hat das Gewicht.
Gegenüber RMC Sport zögerte der fünffache Toursieger nicht, als er Pogačars aktuelles Niveau einordnete. Er setzte ihn klar an die Spitze des modernen Radsports und würdigte zugleich die Dimension seines Vorhabens.
„Er ist sehr stark. Er baut sich ein großartiges Palmarès auf, er liefert Spektakel, mit großen Duellen gegen Jonas Vingegaard und Mathieu van der Poel. Er wird bereits versuchen, seine fünfte
Tour de France zu gewinnen. Er ist selbstverständlich der große Favorit, und ich stelle mir vor, dass er volles Risiko gehen wird.“
Lob für die Gegenwart, Vorsicht beim Blick auf die Geschichte
Diese Einschätzung deckt sich mit dem, was Pogačar in dieser Saison bislang gezeigt hat. Seine lange Attacke bei der Strade Bianche und der entscheidende Antritt an der Cipressa bei Milano–Sanremo unterstreichen einen Fahrer, der weiterhin so sehr aus Instinkt wie aus Kontrolle agiert und Rennen lieber prägt als verwaltet.
Dieser Ansatz bringt nicht nur Resultate, sondern festigt auch seinen Status als komplettester Fahrer des Pelotons, der in Grand Tours und Monumenten in einer heute seltenen Breite siegen kann.
Wenn die Debatte jedoch von Dominanz zu Vermächtnis kippt, zieht Indurain eine klare Linie. „Es ist schwierig. Er ist derzeit der beste Fahrer der Welt. In Zukunft wird er einer der Größten sein, aber es gab große Namen im Radsport:
Eddy Merckx,
Bernard Hinault; sie sind Legenden. Doch er baut sich ein sehr feines Palmarès auf.“
Dieses Zögern ist keine Abwertung. Es ist Einordnung. Pogačar mag der prägende Fahrer seiner Generation sein, doch die Messlatte, auf die Indurain verweist, wurzelt tief in der Geschichte des Sports. Namen wie Merckx und Hinault sind nicht nur Teil der Diskussion, sie sind der Maßstab, an dem alles gemessen wird.
Vorerst nähert sich Pogačar diesem Terrain, statt es zu besetzen. Milano–Sanremo hat ihn dem kompletten Monumente-Set nähergebracht, während die Tour de France die Chance bietet, eine der dauerhaftesten Bestmarken des Sports einzustellen.
Ob das reicht, um die Debatte zu kippen, bleibt abzuwarten. Doch Indurains Worte machen deutlich: Selbst angesichts moderner Dominanz wird die oberste Etage des Radsports nicht leichtfertig vergeben.