Felix Gall hat bereits Top5 bei der Tour de France und Top10 bei der Vuelta a España erreicht. Nach seinem dreiwöchigen Debüt beim Giro d’Italia 2022 kehrte er dieses Jahr mit völlig anderen Ambitionen zurück. Der Fahrer des
Decathlon CMA CGM Team peilte das Podium in Rom an – und schaffte es. Nur Jonas Vingegaard war in den Bergen und in der
Gesamtwertung stärker.
Der Österreicher hatte sein Talent schon zuvor bewiesen, doch der fünfte Platz bei der letztjährigen Tour wurde seiner Kletterklasse, Galls wichtigster Waffe, womöglich nicht gerecht. In diesem Frühjahr erlaubte ihm eine andere, stärker trainingsgesteuerte Vorbereitung, ein höheres Niveau zu erreichen als in der Vergangenheit.
„Ich glaube, ich habe mehr und härter trainiert als je zuvor. Vielleicht war ich auch selbstbewusster“, sagte Gall zu CyclingPro.net. „Ich bin jetzt alt genug, um meinen Körper gut zu kennen und keine Angst zu haben, ihn im Training wirklich bis an die Grenze zu bringen. Am Ende hat es sich ausgezahlt.“
Obwohl ein langer Einzelzeitfahren über 42 Kilometer im Programm stand, ist der Giro d’Italia traditionell extrem berglastig – und genau dort machte Gall gegen seine direkten Rivalen den Unterschied. „Als wir im November letzten Jahres den Plan machten, dass ich den Giro fahre, war das eine große Motivation. Hierherzukommen mit dem Ziel, um ein Podium zu kämpfen. Dass alles so aufgegangen ist, ist großartig.“
Das Ergebnis nahm bereits beim ersten Bergankunftstag am Blockhaus Gestalt an, wo er Jonas Vingegaard nur knapp unterlag. Zwei Tage später am Corno alle Scale griff er den Dänen selbst an und nahm seinen Konkurrenten erneut deutlich Zeit ab. Zwar verlor er im Zeitfahren seine Position an Thymen Arensman, holte sie aber auf der Etappe ins Aostatal zurück und gab sie nicht mehr her – und überholte dabei Träger Rosa Afonso Eulálio.
Anderes Training als Schlüssel zu Galls Entwicklung
Wie kam Gall auf ein derart hohes Kletterniveau, das ihn souverän als „Nummer zwei“ des Giro agieren ließ (er wurde bei allen fünf Siegen Vingegaards Zweiter)? „Früher war ich immer etwas ängstlich oder vorsichtig mit zu viel Intensität im Training. Ich kam relativ leicht in Form, verlor sie aber auch relativ schnell wieder.“
„Die Ausdauer, die ich in den letzten Jahren aufgebaut habe, erlaubte es mir, im Training etwas mehr zu drücken. Vielleicht hat das noch ein bisschen Top-End freigeschaltet. So habe ich es im Training gespürt. Ein wenig mehr Intensität war der kleine Extraschub, den ich brauchte.“
Gall stand mit Jonas Vingegaard auf dem Podium des Giro 2026
Gall hofft, Vingegaards Kletterniveau zu erreichen
Bei der Vuelta a España muss sich Gall nicht mit Vingegaard auseinandersetzen; auch Fahrer wie Tadej Pogacar, Paul Seixas und Remco Evenepoel sind wohl nicht am Start. Gall könnte erneut die Kapitänsrolle im französischen Team erhalten – und mit einer moderateren Startliste eine weitere Chance auf einen Grand-Tour-Erfolg.
„Mein Niveau am Berg ist ziemlich gut. Natürlich gibt es im Vergleich zu Jonas noch eine deutliche Lücke. Aber ich hoffe, ich kann mich noch ein wenig verbessern“, so seine Einschätzung. „In einer Grand Tour ist das Wichtigste, niemals aufzugeben. Ich hatte hier keinen richtig schlechten Tag. Das Zeitfahren war sicher eine Herausforderung, aber an solchen Tagen musst du einfach dein Bestes geben. Jeder hat mal einen etwas schlechteren Tag.“
Mit Konstanz erreichte Gall womöglich das beste Ergebnis seiner Karriere, gleichauf mit seinem Tour-de-France-Etappensieg 2023. „Man muss nichts Verrücktes machen. Am Ende ist es die Konstanz, die das Ergebnis bringt“, schloss er.