Der Giro d’Italia startet in der kommenden Woche in Bulgarien – und auch wenn die erste Grand Tour der Saison nicht vollständig auf italienischem Boden ausgetragen wird, bleiben die typischen Risiken der Corsa Rosa bestehen. Das Rennen gilt traditionell als besonders anspruchsvoll und unberechenbar. Obwohl
Jonas Vingegaard als der Fahrer gilt, den es zu schlagen gilt, entscheidet beim Giro weit mehr als reine Kletterstärke über Erfolg oder Niederlage.
„Der Giro ist ein zermürbendes, hartes Rennen, aber alle schicken das Allerallerbeste zur Tour. Selbst wenn ein Team einen der Topfahrer hat, hält es möglicherweise einige der besten Helfer für die Tour zurück. Das macht es für Ausreißer etwas offener“, sagte der frühere US-Profi
Tejay van Garderen im Gespräch mit
Domestique.
Unterschiedliche Teamstrategien machen den Giro offener
Auch bei
Visma - Lease a Bike zeigt sich diese strategische Schwerpunktsetzung deutlich: Zwar stehen Vingegaard mit Sepp Kuss und Victor Campenaerts wichtige Helfer zur Seite, doch mehrere zentrale Stützen seiner vergangenen Grand-Tour-Erfolge fehlen im Aufgebot – darunter Wout Van Aert und Matteo Jorgenson. Die unterschiedlichen Prioritäten der Teams zwischen Giro d’Italia und Tour de France sorgen dadurch für zusätzliche Unwägbarkeiten im Rennverlauf.
Jonas Vingegaard startet als Favorit in den Giro d’Italia 2026 – doch Strecke und Wetter könnten das Rennen unberechenbar machen
„Wir witzeln immer, der Giro sei ein Geschenkeladen für Ausreißer – abgesehen von der Zeit, als Tadej Pogacar mit UAE dabei war, jede Gruppe überrollte und zehn Etappen gewann oder was auch immer (Korrektur: sechs Etappen, Anm. d. Red.). Typischerweise müssen Teams beim Giro konservativer agieren, weil die Tiefe nicht dieselbe ist. Man sieht viel häufiger Fahrer nach vorn gehen und ihre Chance auf einen Etappensieg bekommen – im Gegensatz zur Tour, wo alles so stark kontrolliert ist.“
Vingegaard muss überall liefern – nicht nur in den Bergen
Die Strecke der diesjährigen Ausgabe umfasst mehrere Hochgebirgsetappen sowie ein rund 40 Kilometer langes Zeitfahren, auf dem die größten Zeitabstände erwartet werden. Gleichzeitig sorgen zahlreiche hügelige Etappen und unterschiedlich profilierte Bergetappen für zusätzliche Komplexität. Neben Streckenführung und Schwierigkeit gilt jedoch vor allem das Wetter als entscheidender Faktor.
„Vingegaard ist sicherlich der Favorit, er ist der große Name des Giro. Ob er gewinnt oder nicht, sehen wir nach den ersten zwei Wochen“, erklärte der frühere Gesamtsieger Gilberto Simoni. „In Italien ist im Mai dein erster Gegner das Wetter. Dann gibt es sehr spezielle Anstiege, Abfahrten, Streckenführungen und Landschaften. Italien ist von Norden bis Süden nicht dasselbe, die Straßen ändern sich, die Schwierigkeiten ändern sich, und vor allem ändert sich das Wetter. Im Mai ist das Wetter ein echter Rivale.“
Ein Blick auf die vergangene Ausgabe unterstreicht diese Risiken deutlich: Auf der 9. Etappe mit zahlreichen Schottersektoren kamen sowohl Primoz Roglic als auch Juan Ayuso zu Sturz. In der zweiten Woche sorgte zudem eine verregnete Etappe nach Nova Gorica für zahlreiche weitere Stürze, Ausfälle von Klassementfahrern und erhebliche Zeitverluste. Abseits der klassischen Schlüsselanstiege wurde das Rennen für viele Fahrer bereits dort entschieden.
Auch unabhängig von diesen jüngsten Ereignissen mussten in der Vergangenheit immer wieder Etappen wegen Schneefalls oder Starkregens verkürzt oder sogar gestrichen werden. Besonders im Norden Italiens herrschen im Mai häufig wechselhafte und deutlich kühlere Bedingungen als bei den anderen beiden Grand Tours. Das erschwert nicht nur die Kleiderwahl, sondern auch die Energieversorgung im Rennen erheblich – zusätzliche Faktoren in der ohnehin komplexen Steuerung einer dreiwöchigen Rundfahrt. Gleichzeitig verschärfen schwierige Wetterbedingungen den Positionskampf im Feld und erhöhen damit das Sturzrisiko.
Obwohl Vingegaard als stärkster Kletterer des Feldes in das Rennen startet, wird er seine Klasse über alle drei Wochen hinweg unter Beweis stellen müssen. „Das sind zwei unterschiedliche Fahrertypen. Pogacar agiert viel proaktiver, während Vingegaard auf bestimmten Kursen überragend ist, aber nicht auf allen. In Italien musst du überall gut sein“, warnte Simoni.
Erfahrung ist beim Giro d’Italia ein entscheidender Faktor
Matteo Tosatto, der den Giro d’Italia selbst 13-mal bestritt und heute als Sportdirektor beim Tudor Pro Cycling Team arbeitet, betont zusätzlich die besondere Unberechenbarkeit der Corsa Rosa. „In vielen Rennen heutzutage, wenn Fahrer wie Pogacar, Van der Poel, Evenepoel oder Seixas am Start stehen, könnte man sagen, man fährt von Beginn an um Platz zwei – aber das würdest du beim Giro d’Italia nie sagen. Niemals“, erklärte der Italiener.
„Bei allem Respekt vor Vingegaard: Es ist sein erster Giro, und es ist nicht die Tour oder die Vuelta, also gibt es für ihn eine Unbekannte. Er trifft auf Teams, die bestens vorbereitet sind. Alles kann passieren.“