Vincenzo Nibali hat den Giro d’Italia zweimal gewonnen und aus seinen vielen Teilnahmen klare Schlüsse gezogen. Der Sizilianer arbeitet heute in der sportlichen Leitung der Corsa Rosa, äußerte sich jedoch zur Favoritenrolle von
Jonas Vingegaard – und warnte zugleich vor einer Rundfahrt, die ihre Protagonisten regelmäßig mit großen Überraschungen und Hindernissen konfrontiert.
Nibalis Einschätzung von Vingegaard und Giro-Risiken
„Auf dem Papier ist Jonas Vingegaard der Favorit. Aber der Giro sorgt immer für Überraschungen, man darf nichts als gegeben ansehen“, sagte Nibali gegenüber der Gazzetta dello Sport. Nach den Absagen von João Almeida, Richard Carapaz und Mikel Landa ist das Feld der Kletterer geschrumpft. Als ernsthafter Herausforderer des Dänen wird vor allem Giulio Pellizzari gehandelt.
Vingegaard hat sich nach seinem Triumph bei der Vuelta a España im vergangenen Sommer in diesem Jahr für den Giro entschieden. Damit bietet sich ihm die Chance, alle drei Grand Tours zu gewinnen – noch vor Tadej Pogacar. Für den „Haifisch von Messina“ liegt Vingegaards bester Weg zum Giro-Sieg darin, frühzeitig Zeit gutzumachen.
„Ich denke, Vingegaard wird versuchen, früh eine Lücke zu reißen, besonders bei den ersten Bergankünften. Danach hängt vieles davon ab, wie groß sein Vorsprung ist. Er könnte sich dann auf das Kontrollieren des Rennens konzentrieren.“ Die Bergankunft am Blockhaus in der ersten Woche zwingt die Klassementfahrer, top vorbereitet anzureisen. Vingegaard könnte dort erstmals Rosa übernehmen.
Die Schlüsseltappen folgen jedoch später, doch Nibali plädiert dafür, dass Visma das Rennen kontrolliert statt permanent den Druck der Offensive zu suchen. „Ist der Vorsprung nicht groß genug, wird die Rundfahrt sehr schwer zu managen. Ohne Kontrolle gehen Ausreißergruppen durch, und das Rennen kann von Tag zu Tag unberechenbar werden.“
Beim Giro d’Italia sind Überraschungen programmiert
2016 stand Nibali vor einer scheinbar unüberwindbaren Hürde: Steven Kruijswijk, ein Grand-Tour-Spezialist – bis heute für Visma im Einsatz – fuhr damals das Rennen seines Lebens. Nibali gewann jene Ausgabe aus eigener Stärke, profitierte aber auch vom Sturz des Niederländers auf der 19. Etappe.
Daher weiß er: Selbst ein erfahrener Grand-Tour-Kapitän wie Jonas Vingegaard kann beim Giro von neuen Gesichtern im Gesamtklassement gefordert werden. „Hier werden auch neue Sterne geboren. Das haben wir in den letzten Jahren oft gesehen. Selbst wenn es einen klaren Anführer gibt, kann sich das Rennen komplett drehen.“
Giulio Pellizzari, Italiens größtes Bergtalent, könnte zum großen Widersacher des Dänen werden. Nach Platz zwei bei Tirreno-Adriatico und dem Sieg bei der Tour of the Alps reist er mit viel Selbstvertrauen an. Schon im Vorjahr deutete er an, dass er auf dem Weg zum Top-Kletterer ist.
„Er hat echtes Talent. Er verbessert sich Schritt für Schritt. Dieses Jahr kann sein Ziel ein Podium sein“, ergänzt Nibali. „Letztes Jahr sah man die Müdigkeit in der Schlusswoche. Beim Giro ist die letzte Woche entscheidend. Dort fällt die Vorentscheidung. Beim Giro ist nichts entschieden, bevor nicht ganz zum Schluss die Ziellinie überquert ist.“