„Ich denke, Brennan ist einfach besser“ – Visma vor Tour-de-France-Dilemma mit Vingegaard und Wout Van Aert

Radsport
durch Nic Gayer
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Bei Visma - Lease a Bike zeichnen sich schon jetzt schwierige Entscheidungen für die Tour de France 2027 ab. Das niederländische Team muss die Gesamtklassement-Ambitionen von Jonas Vingegaard mit den Etappenjagden von Wout Van Aert und dem möglichen Tour-Debüt von Matthew Brennan in Einklang bringen. Besonders die Frage, ob der junge Brite und der belgische Allrounder gemeinsam ins Aufgebot passen, sorgt für Diskussionen. Hinzu kommt eine Strecke, die Vingegaards Stärken möglicherweise weniger entgegenkommt als in den vergangenen Jahren.
Mit dem Grand Départ im Vereinigten Königreich wächst der Druck, Brennan bei seiner Heim-Tour an den Start zu bringen. Der erst 21-Jährige gewann bei der Vuelta a Espana 2026 beeindruckende fünf Etappen und bewies dabei, dass er auch bei einer dreiwöchigen Rundfahrt auf höchstem Niveau erfolgreich sein kann. Zudem funktionierte die Zusammenarbeit mit Van Aert bei der Spanien-Rundfahrt hervorragend. Dennoch ist unklar, ob Visma beiden Fahrern genügend Freiheiten einräumen kann, ohne Vingegaards Chancen im Kampf um den Gesamtsieg zu beeinträchtigen.

„Ich denke, Brennan ist darin einfach besser“ – Konkurrenz mit Wout Van Aert?

Die größte Herausforderung für die sportliche Leitung liegt in der Zusammensetzung des achtköpfigen Tour-Aufgebots. Während Brennan und Van Aert vor allem auf den ersten Etappen Siegchancen besitzen dürften, benötigt Vingegaard ausreichend Unterstützung, um gegen Tadej Pogacar und die übrigen Anwärter auf das Gelbe Trikot bestehen zu können.
Matthew Brennan bei der Vuelta a España 2026
Matthew Brennan bei der Vuelta a España 2026
Im Podcast Kop over Kop diskutierten die Radsportexperten Jan Hermsen und Jeroen Vanbelleghem deshalb über die möglichen Rollen von Brennan und Van Aert. Beide könnten auf ähnlichen Etappen erfolgreich sein, was innerhalb der Mannschaft eine klare Aufgabenverteilung erforderlich machen würde.
„Mit Van Aert finde ich es schwierig, denn beide können in der ersten Woche Etappen gewinnen“, erklärte Vanbelleghem.
Hermsen ging noch einen Schritt weiter und sieht den jungen Briten bei bestimmten Etappen sogar im Vorteil: „Ich denke, Brennan ist darin einfach besser. Bei solchen Etappen.“
Vanbelleghem hält eine gemeinsame Nominierung dennoch für denkbar. Seiner Meinung nach könnte Visma die unterschiedlichen Stärken der beiden Fahrer taktisch nutzen, insbesondere im direkten Duell mit Mathieu van der Poel.
„Es kann funktionieren, wenn man Van Aert gegen Van der Poel spielen lässt und Brennan als Reserve zurückhält“, schlug der Analyst vor.
Damit wäre Brennan nicht zwangsläufig ein direkter Konkurrent Van Aerts, sondern könnte von dessen offensiver Fahrweise profitieren. Während der Belgier seine Rivalen zu Reaktionen zwingt, könnte der junge Brite seine Kräfte für die entscheidende Rennphase sparen.

Fünf Vuelta-Etappensiege: Brennan macht keinen Hehl aus seinen Tour-Ambitionen

Dass Brennan selbst auf einen Start bei der Tour de France 2027 hofft, machte er bereits während der Vuelta a Espana deutlich. Nach seinen Etappensiegen sprach er in Interviews offen darüber, dass er gerne bei der Frankreich-Rundfahrt an den Start gehen würde.
Für Hermsen war diese öffentliche Aussage bemerkenswert. Er vermutet, dass Brennans mögliche Tour-Teilnahme innerhalb der Mannschaft bereits Thema gewesen sein muss.
„Das fand ich seltsam. Das darf man natürlich sagen, aber ich war völlig überrascht. Wenn er das sagt, wurde es bereits besprochen. Er gibt spontane Interviews, aber auch danach wurde das Thema nicht weiter aufgegriffen. Er könnte genauso gut vier oder fünf Etappen gewinnen“, sagte Hermsen.
Mit seinen fünf Vuelta-Etappensiegen hat Brennan jedenfalls eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass er bei einer Grand Tour nicht nur einzelne Chancen nutzen, sondern über mehrere Wochen hinweg regelmäßig um Siege kämpfen kann. Angesichts des britischen Grand Départs dürfte seine mögliche Nominierung deshalb auch aus sportlicher und öffentlicher Sicht besonders reizvoll sein.
Allerdings müsste Visma dafür entsprechende Freiräume schaffen. Neben Brennan und Van Aert benötigt das Team schließlich Fahrer, die Vingegaard in den entscheidenden Momenten unterstützen können. Je mehr Plätze an Etappenjäger vergeben werden, desto weniger Möglichkeiten bleiben für eine konsequent auf das Gesamtklassement ausgerichtete Mannschaft.

Tour-Strecke 2027: Warum Vingegaard vor einer schwierigen Entscheidung steht

Im weiteren Verlauf der Diskussion rückte deshalb Jonas Vingegaard in den Mittelpunkt. Der Däne bleibt der wichtigste Gesamtklassement-Fahrer von Visma - Lease a Bike. Doch aus Sicht Vanbelleghems könnte ausgerechnet die Streckenführung der Tour de France 2027 dazu führen, dass die Mannschaft ihre bisherige Strategie überdenken muss.
Der Analyst brachte sogar die Möglichkeit ins Spiel, dass Vingegaard stattdessen den Giro d'Italia oder die Vuelta a Espana ins Visier nehmen könnte.
„Bei einer anderen Strecke hätten sie sich meiner Meinung nach wieder voll auf Vingegaard konzentriert, mit Van Aert als Helfer und ohne Brennan. Aber bei dieser Strecke …“, erklärte Vanbelleghem.
Seine Kritik richtet sich insbesondere gegen die vergleichsweise wenigen Etappen, auf denen Vingegaard seine Stärken im Hochgebirge voll ausspielen könnte.
„Wenn man eine Strecke entwerfen müsste, die ihm am wenigsten liegt, wäre es diese. Es gibt nur zwei Etappen mit vielen Höhenmetern. Das sind Vingegaards Etappen. Er kann viel leisten, aber diese Strecke kommt ihm nicht entgegen.“
Aus Sicht des Experten könnte die Streckenführung damit nicht nur Vingegaards Chancen im Kampf gegen Pogacar beeinflussen, sondern auch die gesamte Kaderplanung verändern. Sollte Visma weniger Möglichkeiten sehen, die Tour über das Gesamtklassement zu gewinnen, könnte eine offensivere Ausrichtung mit mehreren Etappenjägern attraktiver werden.
Allerdings deutet bislang wenig darauf hin, dass Vingegaard tatsächlich auf die Tour verzichten wird. Berichten zufolge hat der Däne die Frankreich-Rundfahrt bereits als Ziel für 2027 ins Auge gefasst. Eine grundlegende Änderung der sportlichen Ausrichtung erscheint deshalb derzeit eher unwahrscheinlich.
Für Visma - Lease a Bike bleibt damit eine anspruchsvolle Abwägung: Wie viele Helfer braucht Vingegaard, um Pogacar herauszufordern? Welche Rolle soll Wout Van Aert übernehmen? Und kann es sich die Mannschaft angesichts seiner fünf Vuelta-Etappensiege überhaupt leisten, Matthew Brennan bei einer Tour mit britischem Grand Départ zu Hause zu lassen?
Die Antworten auf diese Fragen dürften entscheidend dafür sein, mit welcher Strategie das niederländische Team im Sommer 2027 antritt. Sollte Brennan tatsächlich sein Tour-Debüt feiern, hätte Visma neben Vingegaard und Van Aert jedenfalls eine weitere hochkarätige Option für Etappensiege.
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