Die Strecke der Tour de France 2027 wurde in der vergangenen Woche in Paris vorgestellt und sorgt seitdem für intensive Diskussionen. Vor allem die vielen Zeitfahrkilometer, die vergleichsweise geringe Zahl schwerer Bergetappen und die veränderte Verteilung der entscheidenden Anstiege werfen eine Frage auf: Haben die Organisatoren bewusst einen Kurs entworfen, der Tadej Pogacar weniger entgegenkommt als in den vergangenen Jahren?
Im CyclingUpToDate Podcast beschäftigten sich Rúben Silva und Gavin Quinn ausführlich mit dieser These. Dabei ging es nicht nur um die Frage, ob die Tour 2027 tatsächlich eine sogenannte „Anti-Pogacar-Strecke“ bietet, sondern auch darum, welche Herausforderer von der Streckenführung profitieren könnten. Besonders Remco Evenepoel und Paul Seixas rückten dabei in den Mittelpunkt.
„Eine Anti-Pogacar-Tour ist reine Spekulation“
Gavin Quinn hält wenig von der Vorstellung, dass die Organisatoren eine Strecke entwerfen könnten, die Pogacar gezielt benachteiligt. Der Slowene sei inzwischen ein derart kompletter Fahrer, dass sich seine Stärken kaum durch eine bestimmte Streckenführung ausschalten ließen.
Remco Evenepoel und Tadej Pogacar bei der Tour de France. Die zeitfahrlastige Streckenführung für 2027 könnte dem Belgier entgegenkommen und ihm neue Chancen eröffnen, den slowenischen Dominator im Kampf um das Gelbe Trikot unter Druck zu setzen.
„Eine Anti-Pogacar-Tour ist reine Spekulation, denn meiner Meinung nach gibt es so etwas nicht“, erklärte Quinn.
Allerdings räumte er ein, dass bestimmte Etappenprofile dem viermaligen Tour-Sieger stärker entgegenkommen als andere. Besonders anspruchsvolle Bergetappen mit mehreren langen Anstiegen bieten Pogacar häufig die Gelegenheit, seine Überlegenheit auszuspielen.
„Es kann Tour- oder Rennstrecken geben, die Pogacar nicht unbedingt liegen oder seine größten Stärken weniger zur Geltung bringen. Dazu zählen Bergankünfte, schwere Bergetappen mit mehreren Anstiegen und vielleicht einem flacheren Schlussanstieg, wie bei der diesjährigen Etappe zum Tourmalet. Eine solche Etappe fehlt diesmal.“
Tatsächlich unterscheidet sich der Kurs für 2027 in mehreren Punkten von den vergangenen Austragungen. Die Zahl der schweren Bergetappen fällt geringer aus, die entscheidenden Anstiege liegen überwiegend in der späteren Rennphase. Gleichzeitig stehen mehr Zeitfahrkilometer und zusätzliche Gelegenheiten für die Sprinter auf dem Programm.
Für Quinn bedeutet das jedoch keineswegs, dass Pogacar dadurch entscheidend geschwächt wird.
„Es gibt weniger schwere Bergetappen mit mehreren Anstiegen, aber man kann die Strecke nicht als Anti-Pogacar-Kurs bezeichnen. Vielleicht kommen diese Merkmale anderen Klassementfahrern besonders entgegen, doch Tadej wird dadurch keineswegs ausgebremst.“
Selbst die Zeitfahren dürften Pogacar kaum ausbremsen
Quinn verwies darauf, dass Pogacar längst nicht mehr ausschließlich auf anspruchsvollen Bergetappen seine größten Stärken ausspielt. Auch im Zeitfahren und auf weniger selektiven Streckenprofilen gehört der Slowene regelmäßig zu den stärksten Fahrern.
„Ich glaube nicht, dass ich mit dieser Einschätzung allein bin. Mich würde sehr interessieren, ob jemand überzeugend darlegen kann, dass die Strecke tatsächlich gegen Pogacar ausgelegt ist.“
Selbst das Zeitfahren auf der siebten Etappe, dessen Profil Pogacar möglicherweise nicht optimal entgegenkommt, dürfte nach Quinns Einschätzung kaum zu einem ernsthaften Problem werden.
„Man könnte argumentieren, dass ihm selbst ein Zeitfahren, wie auf der siebten Etappe, nicht besonders liegt. Trotzdem wird er dort wahrscheinlich unter den besten Fünf landen. Die Strecke ist also nicht gegen Pogacar ausgelegt, aber auch nicht speziell für ihn konzipiert, wenn das Sinn ergibt.“
Mit einem Scherz brachte Quinn seine Einschätzung schließlich auf den Punkt.
„Eine Anti-Pogacar-Strecke lässt sich nur mit 21 Sprintetappen bauen. Und selbst dann wäre er nicht der schlechteste Sprinter der Welt“, sagte er und ergänzte: „Wir haben auch gesehen, dass er sich im Sprint durchaus einmischen kann. Eine Anti-Pogacar-Strecke gibt es also nicht.“
Wollen die Tour-Organisatoren eine weitere Pogacar-Dominanz verhindern?
Neben der grundsätzlichen Streckencharakteristik diskutierten Silva und Quinn in der Podcastfolge vom Montag auch die Chancen der wichtigsten Konkurrenten. Dabei ging es unter anderem um Remco Evenepoel, die mögliche Rolle von Paul Seixas und die Frage, ob Jonas Vingegaard als Pogacars größter Herausforderer im Kampf um das Gelbe Trikot zunehmend in den Hintergrund rückt.
Rúben Silva interpretierte insbesondere die Aussagen von Tour-Direktor Christian Prudhomme bei der Streckenpräsentation als Hinweis darauf, dass die Organisatoren eine weitere einseitige Austragung vermeiden möchten.
Nach drei aufeinanderfolgenden Tour-Siegen Pogacars könnte es aus Sicht der Veranstalter darum gehen, den Kampf um den Gesamtsieg möglichst lange offenzuhalten. Silva zog dabei Parallelen zu einer früheren Phase des Radsports, in der die Dominanz des damaligen Team Sky ebenfalls Diskussionen über die Streckengestaltung ausgelöst hatte.
„Das erinnert mich an die Team-Sky-Jahre, in denen viel über eine Kürzung der Zeitfahrkilometer nachgedacht wurde. Es gab auch Überlegungen, Leistungsmesser zu verbieten, weil man keine Bergzüge und gleichmäßiges Tempo an den Anstiegen wollte.“
Die aktuelle Situation sei zwar nicht unmittelbar vergleichbar, doch die grundlegende Absicht hinter den Überlegungen erscheine ähnlich.
„Das erinnert mich ein wenig daran, wenn auch nicht direkt. Es geht eher um die Botschaft: ‚Wir wollen die Spannung so lange wie möglich aufrechterhalten.‘“
Vor allem das lange Zeitfahren, das bereits vor den entscheidenden Bergetappen ausgetragen wird, fiel Silva auf. Seiner Einschätzung nach könnte die Streckenplanung auch mit Blick auf die Stärken des französischen Ausnahmetalents Paul Seixas erfolgt sein.
Remco Evenepoel als größter Herausforderer von Tadej Pogacar?
Besonders gute Chancen, von der Streckenführung zu profitieren, könnte allerdings Remco Evenepoel haben. Der Belgier zeigte bei der Tour de France 2026 seine bislang stärkste Leistung und scheint sich im Kampf um das Gesamtklassement weiterentwickelt zu haben.
Sollte Evenepoel dieses Niveau im kommenden Jahr bestätigen, könnten ihm die zusätzlichen Zeitfahrkilometer einen entscheidenden Vorteil verschaffen. Denn gerade im Kampf gegen die Uhr gehört er zu den wenigen Fahrern, die Pogacar regelmäßig gefährlich werden können.
Silva sieht darin eine mögliche Chance, den Slowenen stärker unter Druck zu setzen als bei früheren Austragungen.
„Evenepoel scheint sich in diesem Jahr deutlich gesteigert zu haben. Kann er seine Leistung im nächsten Jahr wiederholen, könnte er Pogacars größter Rivale sein. Im Zeitfahren kann er Pogacar schlagen und ihm Zeit abnehmen. Vielleicht ist das das einzige Terrain, auf dem ein Fahrer von Pogacars Kaliber ihn tatsächlich unter Druck setzen kann.“
Damit könnte die Tour de France 2027 eine andere Dynamik entwickeln als in den vergangenen Jahren. Zwar sehen Silva und Quinn keinen Kurs, der ausdrücklich gegen Pogacar gerichtet ist. Die veränderte Streckenführung könnte aber dazu beitragen, dass Fahrer wie Evenepoel oder Seixas ihre Stärken besser ausspielen und den Kampf um das Gelbe Trikot länger offenhalten können.
Nic Gayer ist seit 2022 im Journalismus tätig und begann seine Laufbahn als freier Redakteur im Lokaljournalismus für eine Tageszeitung. Für Radsportaktuell.de berichtet er über den professionellen Radsport und begleitet das Geschehen von der WorldTour bis zu wichtigen nationalen und internationalen Rennen. Sein Schwerpunkt liegt auf Vorberichten, Rennzusammenfassungen und Analysen, mit denen er Entwicklungen im Peloton klar einordnet.
Bei seiner Arbeit wird Nic von den Kolleginnen und Kollegen der Schwesterplattform CyclingUpToDate unterstützt, wodurch er regelmäßig direkten Zugang zu Teams, Fahrern und offiziellen Terminen erhält. Er arbeitet aus der Nähe von München und steht kurz vor dem Abschluss als Bachelor of Arts in Sportjournalismus. In seiner Berichterstattung legt er großen Wert auf sorgfältige Quellenprüfung, präzise Einordnung und aktualisiert Inhalte, sobald neue, gesicherte Informationen vorliegen.